In diesem Blog möchte ich genau hinschauen. Was unterscheidet einen Tag vom anderen, während wir in diesen Wochen der Ausgangsbeschränkungen zu Hause sind? Ein Blog zum Alltag in der Coronakrise.


2. Mai, Tag 51

Krise = Reise

Die Zeit der Ausgangbeschränkungen mit einer Reise zu vergleichen ist ein verwegener Gedanke, den eine Freundin hatte. Die Logik erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Wer reist, muss bereit sein, sich auf bestimmte Umstände einzustellen. Das kann manchmal unangenehm oder unbequem sein. Wer reist, stellt für eine bestimmte Zeit seine Lebensgewohnheiten um, so wie die meisten von uns das in den letzten sieben Wochen getan haben.
Im übrigen führte diese besondere Reise in ein Risikogebiet. Da weiß man ja nie, ob man wieder heil herauskommt.

Jetzt, da die Ausgangsbeschränkungen gelockert und Familie und Freundinnen gesund geblieben sind, ist die Reise zumindest fürs Erste zu Ende. Genauso wie dieser Blog zum Alltag in der Coronakrise. Schön, dass Ihr mich begleitet habt.


1. Mai, Tag 50

Auf der Waage

Dritter Tag ohne Abendessen. Der Grund liegt in den banalen Folgen der Coronakrise, die sich am 50. Tag seit Verkündung der Isolationsbestimmungen auf der Waage ablesen lassen.


30. April, Tag 49

Das Leben, sonst nichts

Die Lesung von Camus’ Die Pest zu Ende gehört: „Aber was heißt das schon, die Pest? Es ist das Leben, sonst nichts.“ Ein alter Asthmatiker bringt die Absurdität des Lebens auf den Punkt. Es liegt kein Sinn im Leiden. Man bekommt keinen Orden dafür. Aber die, die Solidarität und Humanismus zeigen, geben Hoffnung.


29. April, Tag 48

Erleichterung

Gleichzeitig mit dem Bekanntmachen der Lockerungen kommt der Regen. Die Luft wird klarer. Nach der langen Trockenheit, dem Staub, den der Wind über die Felder fegte, ist eine gewisse, vorsichtige Erleichterung zu spüren.


28. April, Tag 47

Keine Hamsterkäufe mehr

Werden wir jemals wieder Klopapier oder Germ kaufen, ohne uns an diese Zeit zu erinnern?


27. April, Tag 46

Heldenplatz

Drei tolle Theaterstunden. Die Uraufführung von Thomas Bernhards Heldenplatz. Großartig! Das Burgtheater zeigt ausgewählte Stücke im Netz. Was für eine Bereicherung in dieser Zeit.


26. April, Tag 45

Parallelwelt

Fernsehbilder aus Linz, Wien, New York und Paris zeigten leere Plätze und Straßen, das Leben in Städten war beinahe zum Stillstand gekommen. Ganz anders auf dem Land. Wer im Mühlviertel unterwegs war, sah in den letzten Wochen keine Veränderungen im Vergleich zum März oder April des Vorjahres.

Auf den Feldern sind die Traktoren unterwegs, in den Kleingärten wird gepflanzt und gejätet, auf den Rasenflächen ziehen die kleinen Mähroboter ihre Runden, Kinder spielen Fußball auf den Wiesen. Vielleicht ist der Straßenverkehr etwas weniger geworden und die Menschen sitzen mit mehr Abstand als früher auf ihren Terrassen.
Sonst ist von der Coronakrise nicht viel zu bemerken, außer dass im Supermarkt Masken getragen werden. Natürlich haben auch hier die Gasthäuser zu, aber ein oder zwei geschlossene Lokale in einem Dorf verändern ein Ortsbild nicht.

Auch das praktische Leben am Land war und ist weniger von den Ausgangsbeschränkungen betroffen. Zwar sind viele auf Kurzarbeit und einige Betriebe haben geschlossen, aber alle können hinaus, spazieren, laufen, nordic walken, radfahren, den Garten pflegen, am Haus werken, Tischtennis spielen.

Im Vergleich zu den Freundinnen und Freunden aus Wien oder Berlin leben wir in einer Art Parallelwelt.


25. April, Tag 44

Im Australischen Busch

ANZAC-Day heute in Australien. Ein patriotischer Feiertag, der mit viel Trara begangen wird und den wir schon zwei mal Down Under erlebt haben. Es gibt auch Gebäck, das den Namen ANZAC (Australian and New Zealand Army Corps) trägt.

Wenn wir auf unseren Reisen durch Australien längere Zeit im Busch verbrachten und Lust auf Süßes hatten, dann waren Anzac Kekse unsere Rettung. Sie halten ewig, sind hitzebeständig und leicht auf Vorrat zu kaufen, weil sie in jedem Geschäft zu bekommen sind. Mit der Zeit haben wir diese trockenen Haferflockenkekse schätzen gelernt und verbinden mit ihnen schöne Erinnerungen an Abende am Lagerfeuer oder unterm Sternenhimmel.
Darum habe ich heute meine „Backen-ist-nichts-für-Feministinnen-Regel" gebrochen und Bruno mit Anzac Keksen überrascht. Großer Erfolg.


24. April, Tag 43

Gegenmittel

Auf eine Impfung gegen Corona werden wir noch warten müssen. Einstweilen konzentrieren wir uns auf die Gegenmittel gegen Angst, Depression und Langeweile. Kochen, Walken, Spazieren, Netflix, Twitter, Krimis im Fernsehen. Lesen sowieso. Die üblichen Verdächtigen halt.

Camus’ „Die Pest“ wollte ich eigentlich vermeiden. Aber dann habe ich doch in die Marathonlesung, die FM4 und das Rabenhoftheater als Streaming anbieten, reingehört. Die Aktualität des Romans ist verblüffend. Jetzt verstehe ich, warum er zum Buch der Krise wurde. Der Text ist dermaßen ergreifend, dass es auch auszuhalten ist, dass er teilweise schlecht gelesen ist. Für ganz große Freude sorgen Sophie Roiss, Cornelius Obonya oder Caroline Peters, die unter den 120 verschiedenen Vorleserinnen und Vorlesern sind.


23. April, Tag 42

Essen ersetzt Gespräche

Der Tag beginnt schlecht. Karoline Edtstadler im Ö1-Journal um 7 Uhr früh. Grauslich.

Eine sehr gute Freundin hat ein paar Tage Fieber gehabt. Kein Verdacht auf Corona. Es geht ihr wieder gut. Trotzdem: Manchmal fühlt sich das Virus näher an, als sonst.

„Sozialer Kontakt kann über Nahrungsmittelkonsum kompensiert werden.“ - das hat er schön gesagt, - der Prof. für biologische Psychologie, Claus Lamm. Weil sozialer Kontakt, genauso wie Nahrungsaufnahme, das Belohnungszentrum im Hirn aktiviert, kann ich meinen frisch gebackenen Apfelkuchen essen, statt Freundinnen zu besuchen.


22. April, Tag 41

Sieg des Egoismus

Ausflug nach Freistadt, um das Auto zu holen, das meine Eltern vor Ausbruch der Pandemie dort gekauft haben. Auf den Straßen nimmt der Verkehr wieder zu. Vor allem viele LKW sind unterwegs.

Es ist seltsam. Einerseits sind während der letzten fünf Wochen wesentlich weniger Autos als sonst unterwegs gewesen. Der Straßenlärm hat abgenommen, die Luft ist klarer. Das ist wunderbar. Andererseits war ich noch nie so so froh darüber, dass wir Autos haben, wie jetzt. Während ich sonst sehr gerne öffentliche Verkehrsmittel benütze, hält mich die Gefahr einer Ansteckung zur Zeit davon ab. Egoismus gegen Klimaschutz.


21. April, Tag 40

... und ewig grüßt ...

Eine Freundin erzählt von der Gleichförmigkeit der Tage. Ihre Tochter nennt das „Murmeltiertage“.
Morgen werde ich die andere Jogginghose anziehen…


20. April, Tag 39

"Jetzt ist auch Leben"

Julia Pühringer, Feministin, Journalistin und coole Socke twittert: „Man muss aufpassen, nicht alles nur als Übergangssituation zu sehen. Ich leb’ ja trotzdem nur einmal. Und jetzt ist auch Leben.“ Schlaue Frau.


18. April, Tag 38

Unsicherheit

Im Ö1-Journal spricht der Infektiologe Christoph Wenisch, darüber, dass es noch ein bis zwei Jahre dauern kann, einen Impfstoff gegen Corona zu entwickeln. Bis dahin werden wir lernen müssen mit einer gewissen Unsicherheit zu leben.

Vielleicht ist es sinnvoll, sich darauf einzustellen. Darauf, dass wir weniger umarmen und küssen werden. Darauf, dass wir keine Hände mehr schütteln werden. Darauf, dass wir uns nicht im Haus oder in der Wohnung, sondern eher im Garten oder zum Spaziergang mit Freundinnen und Freunden treffen werden.

Werden wir ohne Angst vor Ansteckung im Theater und im Kino sitzen können? Vielleicht werden wir eher Ausstellungen besuchen und ins Freiluftkino gehen?

Oder werden wir uns daran gewöhnen? So, wie wir uns daran gewöhnt haben, über einen Zebrastreifen zu gehen, obwohl hier die Gefahr, überfahren zu werden, am größten ist. So, wie wir uns ans Autofahren gewöhnt haben. So wie ich in Australien zwar konzentriert und mit Anspannung, aber ohne vordergründige Angst beim Wandern war, obwohl die Gefahr, von einer Schlange gebissen zu werden, ständig präsent war.


17. April, Tag 37

Frühsommer

Fleisch. Zum ersten Mal seit mehr als fünf Wochen. Nicht wirklich aus Verlangen. Eher weil es lustig ist, den Griller anzuwerfen. Es ist frühsommerlich warm. Urlaubsgefühl. Nur dass hinter unserer Buchenhecke statt dem Meer ein staubiger Acker liegt.

Ich lese von einer australischen Familie, die eine längere Reise durch Europa geplant hatte. Wegen Corona sitzen sie jetzt zu Hause und haben den Langstreckenflug von Sidney nach München im Wohnzimmer simuliert. Mit allem drum und dran.

Passkontrollen, Gepäckaufgabe, Securitycheck und dann fünfzehn Stunden Flug. Die Eltern lasen, die Kinder beschäftigten sich mit Videospielen. Während des Flugs gab es aufgetaute Fertiggerichte.

Nach der virtuellen Landung in Deutschland aßen sie (in echt) Schnitzel und Brezeln. Von München aus ging es weiter in den Louvre. Der ist gut virtuell zu besuchen.


16. April, Tag 36

Wie lange noch?

Es ist ein Leben von einem Tag zum anderen. Kein Schmieden von Plänen. Keine Vorfreude auf die nächste Reise. Kein Suchen nach einer interessanten Ausstellung in Wien. Kein Durchstöbern des Burgtheater-Spielplans. Irgendwie ein Leben ohne Zukunft.

Das klingt schlimmer als es ist. Nur weil wir nicht an die Zukunft denken und sie bereden, ist es ja nicht so, dass es sie nicht gibt. Nur sind wir halt auf die Gegenwart konzentriert. Das funktioniert natürlich nur, wenn man keine finanziellen Sorgen hat.

Es kann noch dauern. Es wird noch dauern. Auch wenn jetzt die Geschäfte wieder aufsperren und es einige Lockerungen gibt, wird die Gefahr einer Ansteckung möglicherweise noch sehr lange bleiben. Selbst wenn ein Leben, wie es es vor Corona war, wieder erlaubt ist, bleibt die Frage, ob es für bestimmte Risikogruppen angstfrei möglich ist.

Es ist sinnlos, sich jetzt damit zu beschäftigen. Auf Twitter ein Zitat von Jean-Paul Sartre (Keine Ahnung, warum es ausgerechnet auf Englisch verbreitet wird):

„Do you think that I count the days? There is only one day left, always starting over: It is given to us at dawn and taken away from us at dusk.“


15. April, Tag 35

Kontrolle verloren

Karl Lagerfeld und sein Satz über Menschen, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben, wenn sie Jogginghose tragen, wird zur Zeit viel zitiert. Aufgelegt.

Klar laufe ich in der Isolation den ganzen Tag in Jogginghosen oder irgendwelchen lockeren Freizeithosen umher. Auch für die Spaziergänge im Freien brauche ich nicht mehr.

Aber es ist ja nicht nur die Kleidung. Zähneputzen kommt bei mir immer erst nach dem Frühstück. Blöd nur, dass sich das Sitzen am Frühstückstisch, das Informieren und Lesen am iPad bis zur Vorbereitung des Mittagessen zieht. Vor dem Mittagessen Zähneputzen ist aber auch nicht sinnvoll. Also danach?

Die Wimperntusche ist sowieso schon eingetrocknet. Nagellack auftragen, wenn ich doch die Nägel aus Gründen der Hygiene gerade ganz kurz geschnitten habe, ist auch nicht so prickelnd.

Apropo kurz geschnitten. Bruno hat jetzt kurze Haare. Sehr, sehr kurze Haare. Und ich habe eine Schnittwunde an der Hand.


14. April, Tag 34

Sehnsucht nach der Bühne

Caroline Peters im Streaming auf derstandard.de. Sie erzählt, wie sehr sie es vermisst, mit fremden Menschen in einem Raum, dem Theater, zusammenzukommen und sich auszutauschen. Wie sie es liebt, einen Gedanken auf der Bühne mit dem Publikum zu entwickeln. Auch wenn der Gedanke schon davor im jeweiligen Text formuliert war, bekommt er erst in dem Moment seine Bedeutung, in dem er mit den anderen, die im Dunkeln sitzen, geteilt wird.

Dann liest sie aus „Schwarzwasser“ von Elfriede Jelinek.

Manchmal spüre ich dann doch sehr, was ich vermisse.


13. April, Tag 33

Angst

Habe ich Angst? Ja schon. Logisch. Aber nicht umfassend. Eher diese Art von Unsicherheit, die jetzt viele haben. Dieses Gefühl von Bedrohung, das in der Luft liegt.

Angst, die nicht nur vom Virus gespeist wird, sondern auch von den Berichten über in Seenot geratene Flüchtlingsboote, über Särge aus Karton in Ecuador und über Flugzeugtransporte von Intensivpatienten in Frankreich. Vieles nimmt die Angst wahr, denn Informationen sind ja im Überfluss vorhanden und die Zeit sie zu erhalten auch.

Aber halt auch: Das Gefühl von Geborgenheit in der Beziehung, im Haus. Das Wissen darum, dass die Eltern und der Bruder in Sicherheit sind, die Freundinnen und Freunde wohlauf sind.


12. April, Tag 32

Ostern

Das Osterwochenende also. Im Grunde genommen ohne besondere Bedeutung. Wichtig ist der golden verpackte Schokohase mit roter Schleife von Lind. Der war sogar in Australien zu Ostern zu haben. Statt Osterspaziergang eine kleine Osterradtour. Ein paar mehr whats apps als üblich, aber mit Freunden und Familie sind wir sowieso immer im Austausch.

Weil es keinen Germ mehr gibt, fehlt nur der Osterbrioche. Da hilft der Freund aus, den wir mit dem Fahrrad im Garten besuchen und bei dem wir außerdem noch etwas Bärlauch abstauben können.


11. April, Tag 31

Normalität

Gibt es bei mir diese Sehnsucht nach einem „normalen Leben“, wie andere es beschreiben? Kaum. Zum einen führen wir ja nicht ein gar so außergewöhnliches Leben in dieser Zeit der Krise. Auf dem Land, im Mühlviertel, lebt es sich in Isolation wesentlich besser als in der Stadt.

Hier ist es leicht, Wege zu begehen, die genügend Platz für Abstand zum Nächsten lassen. Beim Einkauf im Supermarkt alle zehn Tage sehen wir wenige Kunden und volle Regale (mit Ausnahme von Germ, der offenbar das neue Klopapier ist). Und für Notfälle gibt es das Lagerhaus, das eine nette Bioecke hat.

Theater haben wir hier sowieso nicht. Wenn wir im Mühlviertel sind, dann leben wir dieses Landleben im Haus und auf der Terrasse. Mit kleinen Wanderungen und Radtouren, genauso wie wir es jetzt auch tun können. Nur unsere Lieblingswirtshäuser haben zu...


10. April, Tag 30

Karfreitagszauber

Karfreitag. Höchster Feiertag für die Evangelischen. Der Pfarrer predigt in der leeren Kirche. Was bleibt von Religion, wenn die Gemeinschaft fehlt?

Ähnlich wie den Evangelischen geht es wohl den Wagnerianern, die an diesem Karfreitag nicht ins Theater zu Parsifal können. Im Linzer Musiktheater war eine Parsifal-Premiere für Karsamstag geplant.

Gläubige beider Religionen werden im Internet bedient. Gottesdienst und Parsifal werden in großer Zahl als Streaming angeboten.


9. April, Tag 29

Berührung

Eine Freundin erzählt, dass sie seit vier Wochen außer ihrem Ehemann niemanden mehr berührt hat. Was für ein seltsamer Gedanke. Genau so ist es, aber mir ist das nicht bewusst gewesen. Dabei bin ich der Typ, der im Gespräch mit Menschen die Nähe sucht und auch Fremden gerne über die Schulter streicht oder sie kurz berührt.
All das ist jetzt anders. Wir haben verinnerlicht, dass wir Abstand halten müssen.

Es ist Bruno und mir aufgefallen, dass wir im Bemühen darum, jeden körperlichen Kontakt zu anderen zu vermeiden, gelegentlich sogar kurz innehalten bevor wir einander berühren. Dass uns der Gedanke streift, ob wir das denn jetzt überhaupt dürfen.

Die Ver-und Gebote des öffentlichen Lebens nehmen sich ihren Raum im Privaten.


8. April, Tag 28

Das C-Wort

Ich weiß nicht, ob ich in diesem Blog schon einmal das Wort Corona verwendet habe. Das ist zwar ein Blog zum Alltag in der Coronakrise, aber ich schreibe nie darüber, wie sich Statistik mit den Coronainfizierten entwickelt, nicht über die neueste Verordnung oder den letzten Erlass, der die Ausbreitung der Krankheit eindämmen soll.
Die politischen Entscheidungen, die der Kurze und seine MinisterInnen in den zahlreichen Pressekonferenzen regelmäßig verkünden, waren noch nie Thema auf dieser Seite. Ich kommentiere hier keinen Schlamassel, keinen Skandal, keine Peinlichkeiten von Landesregierungen oder Regierung.

Warum nicht? Eben weil all das ohnehin jeden einzelnen Tag prägt. Vom Morgenjournal in Ö1 über die Telefongespräche mit Freunden, die ZIBs, Twitter, Facebook, Spiegel, Standard und die vielen Artikel, die im Netz zu finden sind.

Gesundheit, Kultur, Wirtschaft, Bildung - es gibt ohnehin kein Thema, das nicht als Ableitung zur Coronakrise bearbeitet wird. Selbst bei größten Desinteresse entkommt niemand dem Thema Nummer 1.

Und darum will ich mich hier dem Alltäglichen widmen. Aber ich verspreche, ich werde nicht so weit gehen, dass ich Kochrezepte blogge.


7. April, Tag 26

Die Scheisse ist weg

Am Vormittag wird die Senkgrube entleert! Ein herrliches Gefühl. Jetzt kann ich ohne Sorge pritscheln, wenn ich die Tortenform für Papas Geburtstagstorte reinige.


6. April, Tag 25

Kollektiv

Wir gehen gemeinsam NICHT ins Theater. Wir sind gemeinsam NICHT im Kino. Würde nur ich allein nicht ins Kino oder ins Theater dürfen, wäre das schlimm, aber weil es allen so geht, ist das irgendwie nicht so schlimm.
Ist das jetzt ein egoistischer Gedanke oder nicht?

Wir alle erleben ähnliches. Wir alle wollen jetzt keine Zahnschmerzen bekommen, weil ein Besuch beim Zahnarzt schwierig geworden ist. Wir hoffen, dass wir nicht genau jetzt einen Wasserrohrbruch haben oder das Auto streikt. Und manche müssen zu all dem noch unter schwierigen Bedingungen und Ansteckungsgefahr arbeiten.

Es ist fast wie das Gefühl im Kino, wenn der Film beginnt. Das Gefühl eines gemeinsamen Erlebens. Nur dass es halt kein Film sondern Realität ist. Das Erleben ist kollektiv.


5. April, Tag 24

Spannung

Sonnig. Tatort im Fernsehen. So bekommt der Tag doch noch ein wenig Spannung.


4. April, Tag 23

An der Nähmaschine

Aus Brunos Zimmer kommt ein Geräusch, das ich nicht einordnen kann. Ich gehe rüber. Er sitzt an der Nähmaschine. Auf dem großen Bildschirm des iMAC sind zwei Anleitungen: Die eine zum Anfertigen von Mundschutzmasken, die andere zum Einfädeln des Unterfadens.

Eine Stunde später: Unsere Masken haben das gleiche Muster wie unsere Bettdeckenüberzüge.

Treffen mit Freunden

Es ist gewöhnungsbedürftig, aber es funktioniert. Wir feiern zwar kein rauschendes Fest, aber immerhin ist es ein nettes Treffen.

Ich sehe meine Freundinnen und Freunde lieber über Skype als gar nicht. Mit mehreren gleichzeitig zu kommunizieren, ist eine andere Art der Unterhaltung als ein Gespräch zu zweit am Telefon. Anfangs holpert es noch ein wenig, aber langsam kommt Schwung rein.
Nächsten Freitag treffen wir uns wieder und werden gemeinsam ein Glas trinken. Dann werden alle die Fastenzeit beendet haben.


3. April, Tag 22

Wenig Lippenstift

Lebensmittel werden in der Reihenfolge ihrer möglichen Verwesung aufgebraucht. Dass wir nur alle zehn bis zwölf Tage einkaufen, verlangt eine bestimmte Logistik. Versteht man das unter Haushaltsführung ?

150 Euro haben wir heute ausgegeben. Das bedeutet, auf zehn Tage gerechnet, dass wir 15 Euro pro Tag brauchen. Für zwei Personen.

Es kommt nix dazu. Kein Besuch im Restaurant oder im Kaffeehaus, kein Paar Frühlingsschuhe, keine neue Jacke, einfach nichts, außer den Fixkosten. Und auch der Verbrauch an Lippenstift wird gerade drastisch reduziert. Wer trägt schon Lippenstift unter dem Mundschutz?


2. April, Tag 21

Es flaumt

Der kleine Pieper auf dem Holzsteg vor der Terrassentür hat eine rote Kehle. Da brauche ich jetzt aber kein Vogelbestimmungsbuch, um auf Rotkehlchen zu kommen.

Bilde ich mir das nur ein oder sind da tatsächlich wesentlich mehr Vögel, als in den letzten Jahren? Wir sind jetzt schon den zehnten Frühling in diesem Haus, aber noch nie haben wir das so erlebt. Bachstelzen, Spatzen, Gartenrotschwanzerl, Meisen.

Vielleicht liegt es an uns. Vielleicht schauen wir heuer anders hin. Haben mehr Zeit zum Fenster hinauszuschauen. Mehr Ruhe.

Vielleicht wollen wir einfach so etwas sehen. Weil wir instinktiv nach etwas suchen, das uns Freude macht.

Wenn ich Peter Handkes letztes Buch Das zweite Schwert doch noch lesen sollte, - und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich das tun soll, - dann vor allem wegen des Rotkehlchens. Denn Handke schreibt über das Rotkehlchen: „Es flaumt“.

Nein, ich glaube, ich lese es nicht. Ich beobachte lieber weiter das Rotkehlchen, wie es flaumt.


1. April, Tag 20

Trübsinn

Biomüll zur Sammelstelle bringen und deprimiert sein. Es gibt Tage, die nicht so toll sind.


31. MÄrz, Tag 19

Abenteuer

Vom Mühlviertel nach Linz um die Post zu holen und meinen Eltern ein Stück Kuchen und Bärlauchpesto zu bringen. Ausflug in Coronazeiten. Fast schon abenteuerlich.

Videokonferenz

Am Abend Vorstandssitzung für das Gewaltschutzzentrum per Videokonferenz. Was für ein abwechslungsreicher Tag.

Sehr ernst

Zwei Telefonate mit Freunden, die in Krankenhäusern arbeiten. Der eine Freund ist Arzt und wirkt viel ernster als es sonst seine Art ist. Er arbeitet sehr viel und unter Druck. Die Frage ist, was in den nächsten Tagen noch auf uns zukommt. Wenn am Osterwochenende der Peak erreicht wird, - wie heftig wird es werden?
Der andere Freund ist Seelsorger in der Schweiz. In der Vorbereitung auf die nächsten Wochen muss er sich auch mit dem Begriff Triage auseinandersetzen.


30. MÄrz, Tag 18

Selbstoptimierung

Die Zeit nützen. Sprachen lernen, Klassiker lesen, regelmäßig trainieren … auf jeden Fall tätig sein. Im Standard schreibt Sebastian Fellner über die Menschen, die die Zeit der Isolation nützen um sich selbst zu optimieren.

Es gibt zur Zeit viele Menschen, die unter extremen Stress arbeiten müssen. Was spricht also für die, die nix tun müssen, dagegen, nichts zu tun? Faul sein. Sich über die Möglichkeiten des Internets freuen. Serien streamen. Ein bissl spazieren gehen. Kochen, was Spaß macht.

Natürlich lesen. Jede, die gerne liest, tut das ja ohnehin. Und es ist schön, Klassiker zu lesen, wenn ich sie lesen möchte. Aber daraus eine Verpflichtung zu machen, nur weil man gerade zu viel Zeit hat, ist kein guter Grund. So wird man Meisterwerken auch nicht gerecht.

Zu viel Zeit?

Viele meiner FreundInnen haben gerade jetzt NICHT das Problem von zu viel Zeit. Sie müssen unter schwierigen Bedingungen arbeiten: Homeoffice ist nicht nur für Alleinerziehende und IT-Techniker stressig. Im Sozialbereich oder Kundenservice sind Beratungen am Telefon von zu Hause mit zusätzlichen Videokonferenzen noch anstrengender als sonst. Und wer im Handel oder im Krankenhaus arbeitet, kann die Sorgen, wie man seine Zeit am besten füllt, wohl ohnehin nicht nachvollziehen.


29. MÄrz, Tag 17

Krisenjournalismus

Wäre ich jetzt gerne im Studio? Gemeinsam mit den KollegInnen, von denen ich viele gut kenne und einige sogar sehr mag? Sie sind jetzt im ORF-Landesstudio in Isolation, um den Sendebetrieb sicherzustellen. Würde ich noch arbeiten, wäre ich jetzt natürlich gerne ganz vorne bei der Corona-Berichterstattung mit dabei.

Diese Spannung in Krisenzeiten oder bei dramatischen Ereignissen, ist ein ganz besonderes Gefühl. Das mag seltsam klingen, weil es dabei ja oft um Leid, um Unglück geht. Aber das Fokussieren auf die nächste Aufgabe, die Konzentration auf das, was gerade zu tun ist, ist eine Herausforderung, die die meisten von uns gerne annehmen.

Außerdem ist es faszinierend zu beobachten, wie der ganze Apparat, der sonst manchmal recht schwerfällig sein kann, funktioniert. Wie ein Rädchen ins andere greift und alle zusammenarbeiten.
Dazu kommt, dass die Beteiligung an der Berichterstattung auch das Gefühl gibt, aktiv zu sein, was gut gegen Angst ist.


28. MÄrz, Tag 16

Selbstversorger

In der Tageszeitung Die Presse steht ein Rezept für Brennesselknödel. Politisch ist Die Presse ja nicht unser Favorit unter den Tageszeitungen, aber hier machen wir eine Ausnahme. Am Vormittag pflücken wir Brennessel am Waldrand und die Knödel werden richtig gut.

Fast wie normal

Ein paar Knödel bekommt ein guter Freund. Der bringt uns dafür selbst gepflückten Bärlauch für Risotto und Pesto. Die Sonne scheint, es hat 16 Grad, wir sitzen in großem Abstand auf der Terrasse und trinken gemeinsam selbstgebrautes Bier. Fast wie in normalen Zeiten.


27. MÄrz, Tag 15

Alltag

969 Menschen sind heute in Italien am Coronavirus gestorben.
Ich habe Minestrone aus dem Tiefkühlschrank aufgewärmt.

Triage in europäischen Krankenhäusern. Nicht alle Kranken können mit Beatmungsgeräten versorgt werden. Bei manchen wird maximal versucht das Leiden vor dem Sterben zu minimieren.
Ich lese „Upstate“ von James Wood.

Aus dem Flüchtlingslager in Moria auf Lesbos ist bis jetzt kein Fall einer Infizierung bekannt. Noch nicht.
Ich sehe mir einen Krimi im Fernsehen an.

7.399 Corona-Fälle werden heute in Österreich bestätigt.
Ich backe eine Birne-Topfen-Torte.

Wie lange können wir so leben?


26. MÄrz, Tag 14

"Gehorcht der Zeit und dem Gesetz der Stunde"

Ein Zitat aus Maria Stuart. Wie passend! Genau das ist es, was wir jetzt tun. Heute ist die Rechnung für die Theaterkarten für Maria Stuart in Salzburg im August gekommen. Dabei wird erst am 30. Mai entschieden, ob die Salzburger Festspiele heuer stattfinden werden.
Bei einem kleinen Theater hätte ich sofort überwiesen. Aber ich glaube in diesem Fall warte ich noch ein wenig zu. Andererseits: Alleine der Gedanke an einen Theaterbesuch verursacht solche Vorfreude!

Ohne Auto

So ganz ohne Fahrzeug im Mühlviertel, fünf Kilometer weg vom nächsten Geschäft... - das ist nicht lustig. Trotzdem bringen wir Brunos A2 zum Mechaniker und gehen zu Fuß zurück zum Haus.
Wir möchten nicht noch einmal erleben, dass wir auf dem Weg zu meinen Eltern, den Wagen voller Lebensmittel, Angst vor einer Panne haben müssen, weil das Auto seltsame Geräusche von sich gibt. Und das irgendwo zwischen Sankt Martin im Mühlkreis und Linz.


25. MÄrz, Tag 13

Tagesstruktur

Psychologen und Psychotherapeuten empfehlen zur Zeit immer wieder, uns eine Tagesstruktur zu schaffen. Zu bestimmten Zeiten aufstehen, kochen, essen, putzen, lernen. Alles nach Termin. Den Wecker stellen, obwohl es keine Termine außer Haus gibt. Wenn ich unbedingt unglücklich werden will, mache ich das auch. Sonst eher nicht.
Die einzige Struktur, die ich brauche, sind Mahlzeiten. Aber die regelt der Hunger oder wenigstens der Appetit.

Wasser sparen

Natürlich steigt der Wasserverbrauch. Es wird mehr gekocht, weil wir nicht auswärts essen. Die Klospülung wird oft benützt, weil wir ja immer daheim sind. Vielleicht wird auch ein wenig mehr geputzt. Das Problem ist, dass wir an keinen Kanal angeschlossen sind. Wir haben eine Senkgrube. Was, wenn der Bauer, der die Entleerung der Senkgrube sonst erledigt, in Quarantäne ist? Ob wir in absehbarer Zeit jemanden finden werden, der uns von unserer Scheisse befreit?


24. MÄrz, Tag 12

Partnerschaftshilfe:

Die Tageszeitung Der Standard verrrät uns, wie man die Quarantäne-Phase nutzt, um die Beziehung zu festigen. Fünfzehn Minuten täglich miteinander in Ruhe reden wird da empfohlen. Tolle Idee! Darauf muss man erst einmal kommen.
Für die, die da gar keine Erfahrung mit partnerschaftlichen Gesprächen haben, werden auch Fragen vorgeschlagen, die man dem Partner stellen könnte. Zum Beispiel: „Welcher Moment im Leben hat dich am meisten bewegt?“ Gibt es wirklich Menschen, die auf solche Fragen eine Antwort geben können? Aber da steht dann auch: „Was können wir voneinander lernen?“ und „Wofür bist du deinen Eltern dankbar?“
Das ist einen Versuch wert. Und tatsächlich wird damit die Zeit, die unser Frühstücksgespräch üblicherweise hat, noch einmal verlängert. Jetzt wird es Zeit mit Vorbereitung des Mittagsessens zu beginnen.

Herdenimmunität

Mit Herdenimmunität hat es Boris Johnson kurz probiert. Von gelenkter Immunisierung schwafelt Reiner Eichenberger. In der Schweiz wird gerade viel darüber diskutiert. Grauslich.
Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz-und Wirtschaftspolitik. Und so sind offenbar auch seine Prioritäten rein ökonomischer Natur. Ein sehr brutaler Ansatz. Ich will mir gar nicht vorstellen, was gesellschaftspolitisch passieren könnte, wenn so eine Gedankenwelt zur Realität würde.
Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die ein „survival of the fittest“ als Leitlinie hernimmt. Und was für ein Gedanke: Bei gelenkter Immunisierung müsste es eine Trennung zwischen denen geben, die „besonders gefährdet sind“ und denen, die „stark genug sind. dann würden wir die, die nicht so fit sind, wegsperren?"

ZIB 2

Würde Österreich auf Herdenimmunität setzen, bräuchten wir eine Infizierung von 60 Prozent der Bevölkerung. Das wären als circa vier Millionen. Bei einer Sterblichkeit von zum Beispiel nur 1,5 Prozent kann man sich leicht ausrechnen, wieviele Tote man dafür in Kauf nehmen müsste.