Mit ihrem Beruf als Familienrichterin war sie glücklich, trotzdem machte sie eine steile Karriere. Sie übernimmt gerne Verantwortung und mag es, dass sie als Chefin Ideen durchsetzen kann. Sie ist selbstsicher, wundert sich aber manchmal über ihren eigenen Mut. Bei Freunden und in ihrer Familie ist sie mitfühlend und sorgend, mit Krisen kann sie gut umgehen.


Die Analytische

Dass der Tee bereits vorbereitet ist, als ich zum vereinbarten Termin komme, war zu erwarten. Katharina ist organisiert, geplant, rational. Eine Frau, die überlegt, bevor sie spricht. Dass ich sie in meiner ersten Frage als sehr analytischen Menschen bezeichne, überrascht sie, obwohl sie nach einigem Nachdenken durchaus etwas damit anfangen kann.

Katharina: Wahrscheinlich bin ich es in manchen Dingen oder bemühe mich darum, aber sicher nie ohne Emotion.

Katharina Lehmayer

Uschi: Wie ist es überhaupt zu diesem Teil in dir gekommen?

Katharina: Ich weiß, dass ich mich schon als Kind dazu entschieden habe, gewisse Dinge zu tun oder nicht zu tun, weil mir das schlüssig erschien oder weil es mir damit einfach besser ging. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass meine Schwester in der Pubertät mit den Eltern große Kämpfe ausgefochten hat. Ich wusste genau, dass ich diesen Weg nicht gehen wollte. Wenn ich mir in der Schulzeit gewisse Freiheiten nahm, die normalerweise in der Pubertät für Familienkrach sorgen, gab es bei mir kein Problem, weil ich im Gesamtverhalten immer unauffällig war. Das war eine bewusste Entscheidung, die ich damals schon getroffen hatte.

Uschi: Was bringt dieses Analytische in dir jetzt für dein Leben?

Katharina: Im Beruf sehr viel, da ich gewisse Situationen gut einschätzen kann und mein Beruf denkbar ungeeignet ist, spontan emotional zu reagieren. Das würde nicht gut zusammenpassen. Aber da muss ich mich nicht darum bemühen, das ist Teil meiner Persönlichkeit. Das ist in mir angelegt und nichts, was ich mir hart erarbeitet habe. Aber es passt für mich und tut mir gut.

Niemand ist gleicher

Katharina ist keine Frau, die sich in Szene setzt oder viel Aufhebens von sich macht, aber sie weiß, was sie kann und ist sich ihrer Fähigkeiten bewusst.

Katharina: Ich glaube, dass ich sehr gut auf Menschen zugehen kann. Und zwar auf nahezu alle Menschen. Ich denke nicht in Kasteln. Es ist mir zum Beispiel völlig egal, ob jemand Akademiker ist oder nicht, Geld hat oder nicht, schwul ist oder nicht. Das alles bedeutet für mich nichts. Ich sehe den Menschen, so wie er ist. Mit seinen Sorgen in seiner Umgebung und da sehe ich immer wieder ähnliche Bedürfnisse.

Uschi: Ähnliche Bedürfnisse?

Katharina: Respekt, Wertschätzung, Akzeptanz. Das sind die wichtigsten.

Uschi: Trotzdem gibt es natürlich Menschen, für die du mehr oder weniger Sympathie oder sogar Antipathie hast.

Katharina: Das ergibt sich dann aus ihrer Persönlichkeit. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass jede vordergründig unangenehme Eigenschaft eines Menschen einen Hintergrund, einen Ursprung hat. Es mag Menschen geben, die zum Beispiel aufgrund ihrer Erfahrung oder aus anderen Gründen, - eine Diskussion über den freien Willen brauchen wir hier nicht zu führen, aber auch den stelle ich infrage, - eine gewisse Neigung zum Beispiel zu Gewalt haben. Das ist mir natürlich nicht sympathisch, aber bei manchen Eigenschaften, wie etwa Arroganz, möchte ich erst einmal dahinter schauen, bevor jemand mit dieser Eigenschaft im unsympathischen Eck landet.

Uschi: Das heißt, dass du dich nicht schnell von Menschen abwendest.

Katharina: Sicher nicht. Da denke ich jetzt vor allem an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denn im Freundeskreis muss ich mich ja ohnehin mit niemanden auseinandersetzen, der mir nicht aufs Erste sympathisch ist, aber im Beruf bin ich sicher eine der letzten, die sich an einem Mitarbeiter, der eine vordergründig unangenehme Eigenschaft hat, stößt. Das liegt mir überhaupt nicht.

Katharina Lehmayer

Geboren 1963 in Linz

1981 - 1986 Studium der Rechtswissenschaften in Wien (Studienassistentin am Institut für Öffentliches Recht)

1990 - 1999 Richterin des Bezirksgerichtes Döbling

1999 - 2006 Richterin des Landesgerichts Linz (Strafrecht, Rechtsmittelsenat Zivilrecht, insbes. Familienrecht)

2006 - 2008 Richterin des Oberlandesgerichts Linz

2008 - 2010 Vizepräsidentin des Landesgerichts Linz

2010 - 2016 Präsidentin des Landesgerichts Linz

Seit Dezember 2016 Präsidentin des Oberlandesgerichts Linz

Seit 2013 Mitglied des Universitätsrats der Johannes Kepler Universität

Katharina ist verheiratet und hat zwei Töchter

In der Krise

Nicht wagemutig, nicht kreativ, sondern fad und bodenständig, - so bezeichnet Katharina sich selbst und meint das nicht einmal kokett. Schon als junges Mädchen wünschte sie sich „eine stabile Umgebung“. Beruflich genauso wie privat. Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Sicherheit waren ihre Ziele. Um sie zu erreichen, kam ihr auch ihre Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, zugute. Zum ersten Mal zeigte sich diese Eigenschaft 1982, als ihr Vater und ihr Bruder nach langjährigen Krebserkrankungen starben.

Katharina: Ich war damals 18 Jahre alt und diese Zeit was sehr belastend. Ich habe mir überlegt, wie ich diese Situation bewältigen könnte. Dann habe ich mich für ein Praktikum im Sozialwerk Diakonie in Gallneukirchen entschlossen.

Katharina Lehmayer

Katharina hat zwei Monate in der Diakonie gearbeitet und dabei bald erkannt, wie relativ alles ist. Sie hat Menschen erlebt, die von außen betrachtet in sehr schwierigen Situationen waren, bei näherem Hinschauen, waren dann andere Qualitäten in ihrem Leben erkennbar.

Katharina: Ich habe zum Beispiel die Aufgabe bekommen, einen körperlich und geistig Schwerstbehinderten, mit dem ich durch Sprache keinen Kontakt aufnehmen konnte, am ganzen Körper zu waschen. Als ich gemerkt habe, wie gut ihm die Körperpflege tat, und wie sich seine Gesichtszüge plötzlich entspannten, hatte ich das Gefühl, dass dieser Mensch in dem Moment glücklicher war, als viele andere Menschen, denen es eigentlich gut geht. Durch diese Arbeit wurde der Fokus vom eigenen Leid einfach weggenommen und umgelegt auf sehr positive Situationen und das hat mir damals sehr geholfen.

Uschi: Der Wille, sich durch den Tod zweier Menschen, die dir sehr viel bedeuteten, nicht aus der Bahn werfen zu lassen, dein Bemühen, die Krise zu meistern, muss aber auch irgendwo wurzeln. In der Geborgenheit im Aufwachsen? In den Genen?

Katharina: Ja alles zusammen. Als jüngstes von sieben Kindern, läuft man so im Rudel mit. Man bekommt aus verschiedenen Gründen nicht so viel Aufmerksamkeit. Ich musste mich im Familienverband zwischen dem Ältesten, der 14 Jahre älter ist als ich und meiner Schwester, immerhin noch viereinhalb Jahre älter, bewähren. Ich war von Anfang an daheim immer mit Älteren in Kontakt. Wenn meine Schulkollegen Discomusik gehört haben, habe ich Leonard Cohen und Patti Smith gehört, die Sachen der Geschwister eben. Und die Familie war stabil. Ich habe eine sehr unbeschwerte Kindheit und Jugend gehabt. Und obwohl meine Eltern eine sehr traditionelle Ehe geführt haben, hieß es nie: „Das kannst du nicht, weil du ein Mädchen bist“. Ich habe so ein Grundvertrauen mitbekommen und das habe ich in mir.

Berufswahl - Ziel und Zufall

Wie so vieles in ihrem Leben begann Katharina auch ihr Studium der Rechtswissenschaften sehr zielgerichtet. Sie wollte Anwältin werden. Dass sie dann Richterin wurde, war nicht geplant.

Katharina: Um Anwältin zu werden, musste ich unter anderem ein Praktikum am Gericht machen und innerhalb von zwei, drei Wochen war mir klar: „Das ist es“. Das war am Anfang für mich irritierend, weil das plötzlich alle Pläne über den Haufen geschmissen hat, aber ich wusste, dass ich das will. Als Anwältin wäre ich Interessenvertreterin gewesen, hätte vielleicht Standpunkte meiner Klientinnen und Klienten einnehmen müssen, von denen ich nicht überzeugt gewesen wäre. Als Richterin geht es darum, objektiv Lösungen herbeizuführen, und wenn die Lösung nicht gelingt, die Entscheidung zu treffen, von der ICH überzeugt bin und nicht irgendjemand anderer. Es war wirklich verblüffend für mich, mit welcher Deutlichkeit sich dieses Berufsbild erschlossen hat.

Katharina und Uschi im Gespräch

Uschi: Wie sehr hat dein Beruf dein Denken, deinen Zugang zu gesellschaftspolitischen Fragen geprägt? Vor allem die Arbeit als Familienrichterin in den frühen Jahren?

Katharina: Ich habe innerfamiliäre Krisen und Katastrophen präsentiert bekommen, die man sich so kaum vorstellen kann. Ich habe gesehen, dass es in jeder „Schicht“ Gewalt, Psychoterror oder Kindesmissbrauch geben kann. In meiner Beziehung zu meinem Mann oder meinen Kindern glaube ich nicht, dass das besonders großen Einfluss gehabt hat, aber vielleicht kann ich die Beziehung zu meinem Mann besonders schätzen, weil ich weiß, dass es auch anders laufen kann. Ich habe zum Beispiel bei Scheidungen mitbekommen, dass manche sehr bald aufgeben, weil sie nicht bereit sind, einen Konflikt auszutragen oder um die Beziehung zu kämpfen. Ein wenig Konsumgesellschaft: Das läuft nicht mehr, also schmeißen wir es weg.

Uschi: Ist es auch im Familienleben spürbar, dass du Richterin warst?

Katharina: Meine Töchter und mein Mann meinen, dass ich mich einerseits immer sehr bemühe, objektiv an Situationen heranzugehen, was sie dann oft als fehlende Loyalität sehen. Andererseits hat man in diesem Beruf vordergründig immer Recht. Das lässt sich natürlich nicht auf die Familie umlegen, da muss man schon sehr aufpassen. Da kann ich nicht, so wie im Verhandlungssaal, für Ruhe sorgen.

Abgrenzung lernen

Uschi: War es als Familienrichterin nicht schwierig, mit Fällen von körperlicher und psychischer Gewalt zu tun zu haben? Wie konntest du dich davor schützen, das mit nach Hause zu nehmen?

Katharina: Diese Abgrenzung musst du als Richterin oder Richter ohnehin sehr rasch lernen. Es ist natürlich im Familienrecht oder im Strafrecht besonders heftig. Bei der Verhandlung von Verkehrsunfällen ist das ein wenig leichter, aber selbst da kann es passieren, dass für jemanden ein kleiner Blechschaden aus persönlichen oder finanziellen Gründen eine kleine Katastrophe ist. Diese Abgrenzung ist ein ganz wichtiger Punkt, um diesen Beruf gut zu machen und lange mit Freude dabei zu sein. Es geht um den professionellen Zugang dazu, dass ich zwar für diesen Prozess, für dieses Verfahren zuständig bin, aber dass ich nicht verantwortlich dafür bin, was passiert ist. Ich darf mir von den Verfahrensbeteiligten diese Verantwortung nicht überstülpen lassen.

Uschi: Lernt man das oder gibt es auch eine gewisse Disposition dazu, die man für diesen Beruf hat oder nicht.

Katharina: Beides, aber je besser du in der Abgrenzungsfähigkeit bist, desto weniger musst du das lernen. Grundsätzlich glaube ich, dass es für jeden Richter, für jede Richterin und auch einen Staatsanwalt, eine Staatsanwältin wichtig ist, sich diesen Prozess bewusst zu machen. Je weniger man diese Fähigkeit hat, umso intensiver muss man sich damit auseinandersetzen.

Die Liebe zur Rechtsprechung

Richterin des Bezirksgerichts Döbling - Richterin des Landesgerichts Linz - Richterin des Oberlandesgerichts Linz - zuerst Vizepräsidentin, dann Präsidentin des Landesgerichts Linz - die Karriere, die Katharina machte, war steil. Seit Dezember 2016 ist sie Präsidentin des Oberlandesgerichts Linz.

Uschi: Du warst sehr gerne in der Rechtsprechung. Hättest du weiter als Richterin im Beruf glücklich sein können?

Katharina: Ja, ganz sicher. Und ich weiß auch, wenn es mir hier keine Freude macht, dann werde ich wieder Familienrichterin. Das ist mein Plan B.

Katharina am Schreibtisch

Uschi: Ernsthaft?

Katharina: Ja. Bei der Bewerbung für das Oberlandesgericht stellten sich mir zwei große Fragen. Erstens: „Will ich das überhaupt?“ und zweitens: „Traue ich mir das zu?“ Und bei der ersten Frage ging es im Wesentlichen darum, dass ich dann aus der Rechtsprechung ausscheide. Und damit bin ich wieder beim Plan B - im Moment passt es für mich sehr gut. So wie es heute aussieht, werde ich die nächsten elf Jahre in dieser Funktion am Oberlandesgericht sein. Wenn ich aber nach sieben oder acht Jahren feststellen sollte, dass ich schon alles beigetragen habe, was ich beitragen kann, dann würde ich wieder in die Rechtsprechung zurückgehen.

Uschi: Grundsätzlich bist du aber gerne Chefin. Du übernimmst gerne Verantwortung.

Katharina: Ich finde es einfach nett, wenn man Ideen durchsetzen kann (lacht). Ich organisiere gerne und es war mir zum Beispiel nie egal, wie es der Kanzleileiterin im Sekretariat geht, wie ihre Arbeitsbedingungen sind und damit bin ich fast automatisch in die Justizverwaltung hineingerutscht. Wenn ich etwa das Gefühl habe, dass Ressourcen fehlen, dann bin ich gerne in der Position auch etwas daran zu ändern, ich finde es gut, dass ich Organisationsformen beeinflussen kann.

Durch die gläserne Decke

Uschi: Obwohl die Richterschaft insgesamt mehr als zur Hälfte aus Frauen besteht, dominieren in den Führungseben der Justiz immer noch die Männer. Wie hast du die gläserne Decke durchbrochen?

Katharina: Ich mag es eigentlich gar nicht, wenn Frauen, die Karriere gemacht haben, behaupten, die gläserne Decke gäbe es nicht. Trotzdem muss ich sagen, dass ich diese Decke nicht erlebt habe. Obwohl ich elf Jahre nur Teilzeit gearbeitet habe, hatte ich bei meinen Bewerbungen nie einen Nachteil. Ich war immer offen für Engagement und zusätzliche Aufgaben und habe sicher oft mehr als fünfzig Prozent gearbeitet. Das war möglich, weil meine Mutter bei der Kinderbetreuung mitgeholfen hat. Aber eigentlich kann ich es nicht genau sagen, warum es jedes Mal geklappt hat, denn ich habe mich ja immer nur gegen Männer beworben. Eines allerdings weiß ich: Ich hatte nie eine Scheu davor in die erste Reihe zu treten.

Uschi: Du bist die erste Frau als Präsidentin eines Oberlandesgerichts. Spielt das für dich eine Rolle?

Katharina: Nein.

Uschi: Spielt das für deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Rolle?

Katharina: In der täglichen Arbeit sicher nicht, ich glaube allerdings, dass sich viele gefreut haben, dass es so ist, dass wir hier Vorreiter waren. Es ist blitzartig gegangen, dass hier im Haus alle Briefköpfe von „Präsident“ auf „Präsidentin“ geändert wurden, da hatte ich schon das Gefühl, dass das Bewusstsein da ist und positiv wahrgenommen wird.

Mut und Verantwortung

Uschi: Wenn du dich als Präsidentin des Landesgerichts oder später des Oberlandesgerichts bewirbst - wie sicher bist du dir deiner zu diesem Zeitpunkt? Das bedeutet bei Oberlandesgericht zum Beispiel, die Verantwortung für 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an fünf Landesgerichten und 26 Bezirksgerichten in Oberösterreich und Salzburg zu tragen.

Katharina: Einerseits gar nicht sicher, weil man das ja nicht üben kann. Mir war bei beiden Funktionen durchaus klar, welche Aufgaben auf mich zukommen, aber diese Verantwortung dann tatsächlich zu haben, das ist wieder etwas anderes. Ich habe mich in beiden Fällen über meinen eigenen Mut gewundert, aber noch nie das Gefühl gehabt, dass es mir zu viel wird. Die Erfahrung als Präsidentin beim Landesgericht hat es mir natürlich leichter gemacht, denn auch wenn die Aufgaben andere sind, Verantwortung ist Verantwortung.

Katharina vor dem Porträt Maria Theresias

Uschi: Wenn du eine neue Funktion anstrebst, musst du dich einem Hearing unterziehen. Wie kann man sich das vorstellen?

Katharina: Naja, natürlich bereite ich mich sehr gut vor. Ich habe mich mit dem Verfassen des schriftlichen Bewerbungsgesuchs drei Monate auseinandergesetzt. Habe immer wieder daran gefeilt, das war work in progress, die Formulierungen sind präziser oder passender geworden. Der mündliche Teil ist einerseits Stress, andererseits spannend. Da sitzt du beim Obersten Gerichtshof vor fünf Leuten, die wirklich extrem gescheit sind und wirst geprüft, aber es ist gut gegangen. Aber ja, - ich war sehr nervös.

Uschi: Du wirkst plötzlich emotional, wenn du von diesem Hearing erzählst. Hat es dir Freude gemacht diese Herausforderung anzunehmen?

Katharina: Ja, absolut.

Unabhängigkeit der Justiz

Uschi: In Gesprächen mit dir ist sehr stark zu spüren, wie sehr du unser Rechtssystem schätzt. Dass du darauf vertraust und anderen das Gefühl geben willst, dass sie darauf vertrauen können. Worin siehst du seine Stärke? Worin seine Schwäche?

Katharina: Die Stärke sehe ich ganz klar in der Unabhängigkeit, darum arbeite ich auch so gerne in der Justiz. Diese Unabhängigkeit, die in der Rechtsprechung wirklich zu hundert Prozent da ist. Ich war sehr lange Richterin und habe nie den Hauch eines Versuches der Einflussnahme erlebt oder berichtet bekommen. Einmal hat eine bekannte Person eine Richterin angerufen, um sich über ein Verfahren zu erkundigen. Das wurde mir sofort mitgeteilt und die Person hat einen Brief von mir bekommen. Und da ging es nicht einmal um Einflussnahme, aber selbst ein Nachfragen signalisiert ja was. Die Richterin hat das sofort abgelehnt und berichtet. Da gibt es ein sehr hohes Bewusstsein.

Uschi: Gibt es etwas, was du an unserem Rechtssystem nicht so schätzt?

Katharina: Alle Richterinnen und Richter werden vom Minister, bzw. Bundespräsidenten über Vorschlag des Bundesministers ernannt und da kann der Anschein entstehen, dass politisch Einfluss genommen wird. Es werden allerdings für Ernennungen auch Vorschläge von Personalsenaten gebraucht, die unabhängig sind. Das ist ein relativ kompliziertes System und der Minister hält sich sehr strikt an diese Vorschläge, aber der Anschein bleibt, dass ein Minister ernennt. Dieses Recht zur Ernennung könnte man an ein demokratisch legitimiertes Organ, etwa einen gewählten Richterrat, übertragen.

Rabenmutter und andere Klassiker

Katharina hat zwei Töchter. Kinder und Karriere zu vereinbaren war trotz der Hilfe ihrer Mutter oft schwierig, zumal ihr Ehemann als Solooboist bei den Wiener Philharmonikern keinen familienfreundlichen Beruf hatte.

Katharina: Die Idee einer partnerschaftlichen Teilung, so wie ich sie ursprünglich hatte, war unrealistisch gemeinsam mit einem Philharmoniker. Trotzdem hat man ja in der Justiz den großen Vorteil, sehr lange in Teilauslastung, sprich mit fünfzig oder fünfundsiebzig Prozent der Akten arbeiten zu dürfen, - und das ist wirklich ein "dürfen".

Uschi: Aber trotzdem bist du den Klassikern nicht entkommen, die Frauen oft erleben.

Katharina: Ja. Das schlechte Gewissen, das Bild der "Rabenmutter" vor Augen, das Arbeiten gegen die Uhr. Es gibt nichts Unangenehmeres, als ein Urteil zu diktieren, das Konzept im Kopf zu haben und zu wissen, wie es weitergehen sollte und dann muss man aufhören, weil sonst die Kinder auf der Straße stehen. Dann das Diktiergerät einzupacken und mit schlechtem Gewissen daheim zu diktieren oder mit schlechtem Gewissen daheim nicht zu diktieren… Aber natürlich kein Vergleich mit Frauen, die 40 Stunden arbeiten müssen und bei denen auch sonst die Umstände nicht so gut sind.

Uschi: Du bist ein analytischer Mensch, du handelst sehr überlegt, du hast aber zudem eine sehr sorgende Seite. Die zeigt sich im Umgang mit deinen, inzwischen erwachsenen, Töchtern. Wenn eine verkühlt ist, dann kochst du trotz Stress im Beruf Hühnersuppe und bringst sie ihr nach Hause.

Katharina: (lacht). Ja, das mache ich gerne. Wenn sie zur Zeit sonst gerade niemanden hat, der ihr Hühnersuppe bringt, dann mache ich das. Es wäre schlimm, wenn der Stress im Beruf solche Dinge nicht mehr zulassen würde. Das würde mir nicht gefallen. Das ist ja auch innerhalb der Familie ein Geben und Nehmen.

Uschi: Aber diese sorgende Seite erstreckt sich ja genauso auf deine Freundinnen.

Katharina: Ja, aber auch da ist es wechselseitig, ich könnte mir weder Freundschaften noch Familie ohne diesen Aspekt vorstellen.

.....und außerdem:

Uschi: Inwieweit lebst du dein Frausein bewusst?

Katharina: Ich bin bewusst als Frau in meinem Beruf. Ich lege auf Gendern wert, ich versuche Frauen zu fördern, ich sehe es als Wert Frau zu sein. Andererseits muss man sich als Richterin seiner Persönlichkeit und seines ganzen Wesen bewusst sein, als Richter müssen wir uns um Objektivität bemühen in dem Wissen, woher wir kommen und wer wir sind.

Uschi: Bist du Feministin?

Katharina: Wenn der Begriff Feministin bedeutet, dass ich mich für Gleichberechtigung und für Förderung von Frauen einsetze, wenn er heißt, dass ich sehe, dass Frauen benachteiligt werden, dann ja. Frausein allein genügt natürlich nicht.

Uschi: Quote?

Katharina: Ja natürlich.

Gesellschaftliche Verantwortung

Uschi: Deine neue Funktion erfordert viel Zeit und Energie, aber du bist außerdem noch Mitglied des Uni-Rates der Johannes Kepler Universität Linz. Warum machst du das?

Katharina vor Bücherregal

Katharina: Gute Frage, vor allem deshalb, weil ich gerade wiedergewählt worden bin. Dabei habe ich sehr ernsthaft darum ersucht, jemanden anderen zu nominieren. Diesem Ersuchen ist man nicht gefolgt. Die Dekanin der rechtswissenschaftlichen Fakultät ist eine tolle, kluge Frau und hat mich ersucht, das zu übernehmen, weil das Vertrauen in mich groß ist und es eine einstimmige Entscheidung war, mich zu nominieren. Jetzt denke ich, dass ich in gewisser Weise eine gesellschaftliche Verantwortung trage. Außerdem ist das ein Frauenthema, denn es gibt zwar eine Quote, die muss aber auch erfüllt werden. Wenn Frauen dann sagen: „Nehmt jemanden anderen“, ist das natürlich schlecht. Und es ist auch wirklich spannend, was sich auf dieser Universität tut und ich lerne außerdem viel für meine eigene Arbeit dabei.

Uschi: Wenn das Vertrauen zu dir so groß war, dann liegt das ja offenbar an bestimmten Qualitäten - welche glaubst du, sind das?

Katharina: Offenheit, auch in der Kommunikation, Objektivität. Sie wissen, dass ich von der rechtswissenschaftlichen Fakultät nominiert bin, aber nicht Interessenvertreterin dieser Fakultät bin und dass ich Engagement und Interesse zeige... aber es wäre viel gescheiter gewesen, das in der Pension zu machen (lacht).

Uschi: Hast du manchmal das Gefühl, dass es dir zeitlich zu eng wird, dass du nicht mehr zu Dingen kommst, die dir sonst wichtig sind?

Katharina: Es gibt Phasen, in denen es wirklich dicht ist. Wenn ich an meinen Terminkalender im Herbst denke, dann weiß ich, dass Sport, Kultur und Lesen zu kurz kommen werden. Aber ich weiß, dass das Phasen sind. Das ist Teil des Arbeitszyklus und das gehört dazu. Es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, ich hätte durchgehend genügend Zeit für mich. Übers Jahr gesehen ja, aber nicht kontinuierlich.

Der Name „Leitl“

Wir führen eines unserer Gespräche im Wohnzimmer des Hauses, das früher Katharinas Großvater, dem Maler Anton Lutz gehörte. Viele seiner Bilder, darunter ein Porträt der 5-jährigen Katharina, hängen an den Wänden. Katharinas Mädchenname ist Leitl. Sie wuchs als Tochter des damaligen Geschäftsführers des Familienunternehmens Leitl-Werke auf. Ihr Bruder ist der Politiker Christoph Leitl.

Katharina: Mich hat schon in der Mittelschule genervt, als "Leitl" in einer Schublade zu sein, - das war in Wien dann besser, denn damals war Christoph nur in der oberösterreichischen Politik tätig und nicht so bekannt.

Uschi: Du hast bewusst den Namen deines Mannes angenommen, aber das bewahrt dich nicht davor, dass bei jedem Karriereschritt, den du machst, erwähnt wird, dass du eine „Leitl“ bist. Nervt dich das?

Katharina: Nein, nicht mehr, weil ich das Gefühl habe, dass mittlerweile zumindest in dem Kreis, in dem es mir wichtig ist, klar ist, was ich kann und was ich nicht kann.

Katharina gemalt von ihrem Großvater Anton Lutz

Uschi: Aber es gibt ja auch Menschen, die das nicht wissen.

Katharina: Das ist wahr. Zu meiner Ernennung haben User in einem Forum einer Tageszeitung geschrieben, es wäre wieder typisch, dass eine Politikerschwester zum Zug kommt. Ich habe darauf geantwortet, dass mir klar ist, als Schwester eines Politikers unter Generalverdacht zu stehen, aber „wenn jemand Fragen zu meiner Qualifikation hat, dann bitte ich hier und jetzt darum“. Da kam dann nichts mehr. Manchmal denke ich, manche haben das Gefühl, dass sie solche Sachen in eine Blase schreiben und dann sind sie überrascht, wenn jemand antwortet.

Uschi: Bist du auch stolz auf den Namen Leitl?

Katharina: Ja absolut, ich bin überzeugt davon, dass meine Geschwister und auch ich - ich nenne das jetzt oberflächlich das "Sozialpartnerschaftliche" von den Eltern, speziell vom Vater, mitbekommen haben. Bei uns im Betrieb war zum Beispiel schon in den 70er Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung am Betrieb ein Thema. Ein sehr prägendes Erlebnis für mich als Kind war es, als wir Silvester am Ziegelofen gemeinsam mit den Schichtarbeitern gefeiert haben. Das war der Zugang, den wir alle daheim mitbekommen haben. Dieses Miteinander. Es hat eine Firmenzeitung gegeben, da war die Zeichnung von den beiden Eseln drinnen, die jeder für sich zu ihrem Heuhaufen nicht hinkamen, die aber dann begriffen, dass sie beide profitieren, wenn sie zuerst miteinander links und dann miteinander rechts fressen. Das war das Klima, in dem ich aufgewachsen bin. Das habe ich in mir und das verbinde ich speziell mit meinem Vater und darauf bin ich stolz.

Uschi: Du hast in deiner Funktion viel mit Menschen zu tun, die wichtige Ämter innehaben, - fällt es dir leichter Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, weil du von Kind auf daran gewöhnt warst, mit Menschen in gehobenen Positionen, mit den Mächtigen des Landes zusammenzusein?

Katharina: Vielleicht war es am Anfang leichter. Das ist wahrscheinlich eine Frage, welches Selbstbewusstsein man von zu Hause mitbekommen hat.

Uschi: Ja eben, Selbstbewusstsein bildet sich ja nicht zufällig.

Katharina: Ja, aber dass meine Eltern hin und wieder bekanntere Leute zu Besuch gehabt haben, ist nicht der Grund für mein Selbstbewusstsein. Ich glaube, das speist sich aus anderen Quellen. Aber vielleicht habe ich dadurch besser Small Talk gelernt und das ist sicher hilfreich gewesen, zumindest am Anfang.

Dankbar für überstandene Krisen

Uschi: Dieses Interview setzt sich im Wesentlichen aus zwei Gesprächen zusammen, die wir im Abstand von mehr als drei Jahren geführt haben. Die Zeit dazwischen war für dich oft schwierig.

Katharina: In dieser Zeit hat es in meinem Umfeld viele gesundheitliche Probleme gegeben und das war eine ordentliche Herausforderung.

Katharina im Büro

Uschi:Hat sich dadurch für dich in der Sicht auf das Leben etwas verändert?

Katharina: Ja, ich war sicher vor dreieinhalb Jahren unbeschwerter. Das, was ich in der Zwischenzeit erlebt habe, war einerseits ganz schwer, aber andererseits auch wichtig.

Uschi: Weil Erlebnisse, die verstörend oder schmerzlich sind, immer etwas in einem selbst bewirken? Weil man damit im Leben auch etwas anfangen kann, etwas daraus lernen kann? Vielleicht mit Dingen oder Personen besser umzugehen?

Katharina: Ja, ganz sicher, das macht es zwar in dem Moment nicht leichter. Aber meine Prioritäten haben sich geändert und ich bin auch dankbar für überstandene Krisen. Manches schmerzt noch immer.

Uschi: Deine Töchter sind erwachsen. Dein Ehemann, der um vieles älter als du ist, ist in Pension. An welchem gefühlten Punkt auf der Lebenslinie bist du angekommen? Wieviel Zukunft liegt vor dir?

Katharina: Noch viel. Ich fühle mich gut, fit, ausgeglichen, habe beruflich noch elf Jahre vor mir, ja ich habe das Gefühl es liegt noch einiges an Herausforderungen vor mir. Und vor allem bei den Töchtern liegt noch soviel vor mir. Wohin entwickeln sie sich? Finden sie ihren Platz? Was wird sich da noch tun?

Die Gespräche wurden im Februar 2014 und August 2017 in Linz geführt.