In die Politik möchte sie nicht mehr zurück. In ihrem Beruf als Direktorin einer Neuen Mittelschule mit hohem Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sieht sie die Herausforderungen weniger in kulturellen Unterschieden, als vielmehr in den ökonomischen Verhältnissen und dem Alter der Schüler:innen. Sonja erzählt im Interview davon, wie sie ihre politische Heimat, die SPÖ verlassen und wiedergefunden hat. Und warum sie sich nach 39 Jahren Ehe auf weitere Jahre mit ihrem Ehemann freut.
Hier geht es zum ersten Interview, das wir geführt haben: Gespräch 2014
Schwarmintelligenz in der Schule
Uschi: Als ich dich um dieses Gespräch gebeten habe, hast du gemeint: „Ich kann dir aber dieses mal nicht viel erzählen“. Das stimmt natürlich nicht. Allein, was seit unserem letzten Gespräch in deinem Leben passiert ist, füllt Seiten.
Sonja: Das glaube ich eben nicht, die Themen damals waren der Abschied vom Parlament mit all den Turbulenzen, die es gegeben hat und der Wiedereinstieg in die Schule, aber seitdem bin ich hauptberuflich Lehrerin gewesen und seit kurzer Zeit Direktorin. Insofern hat sich nicht so viel getan.
Uschi: War der Weg zur Schulleiterin ein logischer Weg für dich? Mein Eindruck ist, dass das so kommen musste.
Sonja: Es hat sich in den letzten Jahren abgezeichnet. Der recht plötzliche Wiedereinstieg war herausfordernd, die Schule nicht mehr so, wie ich sie vorher kannte. Bis Weihnachten hatte ich ständig Angst, ob ich alles richtig mache und das überhaupt schaffe.
Uschi: In unserem Gespräch vor mehr als zehn Jahren hast du davon erzählt, wie verunsichert du warst und wie schwer dir der Umstieg gefallen ist. Aber inzwischen fühlst du dich in deinem ursprünglichen Beruf sichtlich wieder wohl.
Sonja in der Schule
Sonja: Es macht mir Freude mit Kindern zu arbeiten, mit Kolleg:innen zu kooperieren, ständig von Kindern gefordert zu sein und sich auch ärgern zu lassen. Als ich dann Stellvertreterin unseres damaligen Leiters geworden bin, war für ihn, für mich, für uns alle klar, dass ich mich bewerbe, wenn er in Pension geht. Insofern konnte ich mich auch vorbereiten, aber ich kann mich noch sehr gut an den Freitag erinnern, als er in Pension gegangen ist. Als ich von seiner Abschiedsfeier heimgefahren bin, habe ich gemerkt, wie ein riesiger Medizinball auf mich zukommt und es war klar, dass ich ab jetzt die Schulleitung übernehme. Am folgenden Montag war ich Direktorin einer Schule mit über 300 Kindern und 40 Kolleg:innen
Uschi: Wobei du schon Unterstützung von den Kolleg:innen hattest.
Sonja: Das Kollegium wollte, dass ich die Leitung übernehme, und wir haben ein tolles Team, das vom Alter her sehr sehr unterschiedlich ist, was aber keine Rolle spielt. Ein Team, das sehr zusammenhalten kann. Ich sehe, dass es unglaubliches Engagement und viele Ideen an dieser Schule gibt, so eine Art Schwarmintelligenz, die man halt auch leben lassen muss. Das funktioniert wirklich gut.
Uschi: Du arbeitest enorm viel. Es ist jetzt 18.30 Uhr, normalerweise bist du um diese Zeit noch in der Schule. Dabei habe ich nicht den Eindruck, dass du dich verzettelst, du verlierst dich nicht in Details, ich glaube, dass du deine Sache richtig gut machen willst.
Sonja: Es ist einfach so, dass ich es liebe, wie es jetzt ist. Ich komme in der Früh um 6 in die Arbeit, da ist es noch ruhig, ich rede mit ein paar Kolleginnen, die schon da sind, und dann gibt es noch ein gemeinsames Frühstück mit dem Schulwart, bei dem wir den Tag besprechen. Das Tolle an dem Beruf ist, dass ich danach nicht weiß, wie der Tag weiter verlaufen wird. Du bist ja als Direktorin Putzfrau, Seelentrösterin, Sozialarbeiterin, Teamkollegin, Expertin für Digitales, Softwareentwicklerin, Sekretärin und musst das irgendwie auf die Reihe kriegen.
Uschi: Das ist in einer Schule, in der 10-14-Jährige unterrichtet werden, sicher nicht einfach.
Sonja: Ja, das ist „the most trying age“, da sind die Kinder nicht immer einfach. Darum ist es wichtig, dass die Stimmung gut bleibt, dass die Welt immer hell bleibt. Deshalb ist mein großes Anliegen, dass die Kolleg:innen wissen, dass sie Hilfe bekommen, wenn sie sie brauchen und wenn sie was erledigt haben wollen, dann wird das erledigt und sie können es abhaken.
Sonja in der Schule
Uschi: Ich habe mehr als einmal erlebt, dass dir einer der Schüler eine Nachricht geschickt hat, wenn wir am Abend zusammen waren.
Sonja: Das war vor allem, bevor ich Direktorin wurde. Das ist einfach so…. du kannst ihnen fünfmal die Hausübung erklären, oder sechsmal das Projekt, du weißt, es kommt am Abend eine Frage dazu. Und irgendwie bin ich froh, dass sie sich damit auseinandersetzen. Außerdem haben sie einen anderen Arbeitsrhythmus. Deshalb habe ich immer geantwortet. Aber ich habe ihnen auch um 10 Uhr abends geschrieben, wenn ich einmal etwas vergessen hatte. Und jetzt ist es mehr der abendliche Kontakt mit den Kolleg:innen oder den Eltern. Wobei ich mich bemühen muss, dass ich selbst nicht am Abend noch den Kolleg:innen was schreibe, denn die sollen ja auch abschalten können. Da muss ich mich selbst an der Nase nehmen.
Uschi: Unterrichtest du als Direktorin noch?
Sonja: Ja. Seit heuer unterrichte ich alle ersten Klassen in digitaler Grundbildung, sodass ich alle Kinder kennenlerne. Damit sie nicht nur zu mir kommen, wenn sie „schlimm waren“. Damit ich ihnen gegenüber nicht nur die Direktorin sein kann, sondern auch die Lehrerin und so die Stimmung mitbekomme.
Kulturelle Unterschiede?
Uschi: Du bist Direktorin einer neuen Mittelschule, die viele Kinder mit Migrationshintergrund besuchen. Inwieweit ist das problematisch? Wie gehst du damit um?
Sonja: Ich unterrichte in der Neuen Heimat in Linz. Wir haben circa 80 % Kinder, die hier geboren, aber deren Eltern zugewandert sind. Circa 20 % der Kinder haben Deutsch als Erstsprache, gut 20 % sprechen BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch), 8 % Türkisch, 7 % Arabisch. Viele Kinder tun sich schwer beim Lesen und Ausdrücken in Deutsch, aber wir bemühen uns, dass sie auch ihre Sprache wertschätzen.
An Sonjas Schule gibt es eine Deutschförderklasse für Kinder, die noch gar nicht Deutsch können. Eine gesetzliche Regelung, die leider bewirkt, dass diese Kinder nicht in andere Klassen integriert sind.
Sonja: Es gibt trotzdem einen großen Vorteil: Wenn eine neue Schülerin zum Beispiel nur Arabisch spricht oder ein Schüler nur Somali, kann ich ein Mädchen oder einen Buben aus einer anderen Klasse holen und dem oder der Neuen die ersten paar Tage zur Seite stellen.
Uschi: Aber es geht ja nicht nur um Sprachen, sondern auch um die oft zitierten kulturellen Unterschiede.
Sonja: Also was ich sehe, sind einfach Pubertierende. Da geht es nicht so sehr um kulturelle Unterschiede. Es kommt schon vor, dass einer sagt: „Bei uns ist das so“ oder „Der hat die Familie beleidigt“. Wenn es dann zu einem heftigen Konflikt kommt, frage ich, ob man das nicht anders regeln kann. Es ist Aufgabe der Schule, ihnen zu erklären, dass es Regeln gibt, wie wir miteinander umgehen. Wenn sie sich nicht daran halten, müssen sie zur Frau Direktor und gegebenenfalls müssen auch die Eltern kommen. Die werden dann bestätigen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn man jemanden als „Hurensohn“ beschimpft.
Sonja auf TikTok
Uschi: Für dich ist also in erster Linie nicht die Herkunft, sondern das Alter die Herausforderung. Ein Alter, in dem Schüler:innen oft andere Dinge als Schule wichtig sind.
Sonja: Probleme liegen auch in den ökonomischen Verhältnissen. Bei den Wohnverhältnissen oder der Arbeitslosigkeit der Eltern, vielleicht den schwierigen familiären Hintergründen - so etwas verursacht Stress. Alle gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden am Brennspiegel Schule sichtbar. Wenn eine Gesellschaft gewalttätiger wird, wenn eine Gesellschaft zerrissen ist, vor großen Umbrüchen steht, vor einer Trennung von Arm und Reich - die Schule ist immer der Brennspiegel. Das ist das Entscheidende, mit dem man sich auseinandersetzen muss.
Wenn ich allerdings immer nur von kulturellen Unterschieden rede, dann brauche ich mich nicht mehr darum zu kümmern, was die Schule selbst dafür tun kann, dass es funktioniert.
Rücktritt - Austritt - Eintritt
Uschi: Du bist 2015 als Landesfrauenvorsitzende der SPÖ zurückgetreten. Ich fand das damals sehr schade.
Sonja: Das war rund um die Auseinandersetzung um die Quotenregelung, die SPÖ hatte dazu ein sehr sportliches Verhältnis entwickelt.
Damals musste nach dem Tod von Barbara Prammer deren Mandat im Nationalrat nachbesetzt werden. Ein Gewerkschafter (Walter Schopf) war der nächste in der Liste, danach Sonja. Laut der damals bestehenden Quotenregelung innerhalb der SPÖ hätte eine Frau drankommen müssen.
Sonja: Die Gewerkschafter wollten aber nicht zulassen, dass eine Frau an einem Gewerkschafter vorbeizieht. Für mich war das eine schwierige Situation. Ich war gerade ein Jahr wieder an der Schule und hatte mich gut eingefunden, aber es war klar, dass wir diese Auseinandersetzung führen mussten. Ich wusste, dass wir klare Kante zeigen müssen. Wenn wir nach außen Frauenrechte und Gleichstellung fordern, uns aber in den eigenen Reihen ducken und das kleinreden, verlieren wir jegliche Glaubwürdigkeit.
Uschi: Es gab also eine klare Quotenregelung, aber es gab nicht den politischen Willen für ihr Einhaltung.
Sonja: Ich glaube, wir haben das in der Öffentlichkeit gut dargestellt. Es gab für einige Wochen eine breite mediale Diskussion dazu, aber dann hat der damalige Linzer Bürgermeister Klaus Luger im „Standard“ ein Interview gegeben, in dem er behauptete, es gäbe ohnehin eine Vereinbarung mit mir und Walter Schopf und ich hätte mich nicht daran gehalten. Er sagte, es hätte ein gemeinsames Gespräch gegeben, was eine glatte Lüge war. Daraufhin habe ich den Landesparteivorsitzenden Reinhold Entholzer gebeten, das klarzustellen. Der meinte aber nur, er mische sich da nicht ein. Da hatte ich das Gefühl, dass Klaus Luger die Sache auf eine persönliche, schmierige Ebene ziehen wollte. Das wollte ich nicht.
Die Einrichtung der Quotenregelung ist eine frauenpolitische Frage, die kann man nicht ignorieren. Es war klar, dass es zu einem Hickhack kommen würde, daraufhin bin ich zurückgetreten. Wir haben unseren Punkt gemacht, aber so wie die Machtverhältnisse waren, hätten wir die Auseinandersetzung nicht gewonnen. Der ORF-Journalist Martin Thür hat damals gesagt: „Die SPÖ betreibt einen Autounfall in Zeitlupe“, - so war es auch.
Sonja
Uschi: Es ging ja noch weiter. Ebenfalls 2015 bist du aus der SPÖ ausgetreten. Vor einem Jahrzehnt hast du im Frauenleben-Gespräch deine Angst davor ausgedrückt, dass dir die Partei als Heimat entgleitet. Das ist wohl damals passiert.
Sonja: Ja, das war so. Die SPÖ ist ideologisch und als Wertegemeinschaft immer meine Heimat gewesen. Was aber damals rund um Asyl, Migration und Sicherheit passiert ist, dass man in Bezug auf Menschenrechte immer mehr verschärft hat, war unerträglich. Dann kam die Wahl im Burgenland, wo die SPÖ in eine Koalition mit der FPÖ ging und der damalige Bundesparteivorsitzende das damals achselzuckend zur Kenntnis nahm. Damit war klar, dass das nicht mehr meine SPÖ ist.
Uschi: Dein Austritt hat damals für ziemliches Aufsehen gesorgt. Damit hattest du nicht gerechnet?
Sonja: Nein, ich wollte es öffentlich machen, weil es mir wichtig war, dass es gesagt wurde, aber… ich hatte den Eindruck, da rutscht etwas weg….
Uschi: 2023 bist du wieder in die Partei eingetreten. War es Andreas Bablers Kandidatur, die dich dazu bewogen hat?
Sonja: Ja, ich dachte, da gibt es den Versuch gegen den rechtspolitischen Mainstream Stellung zu beziehen. Den Versuch, die Partei zu beleben, zu demokratisieren, um linke Positionen zu kämpfen und wieder zu einer Bewegung zu werden. Dazu kommt, dass ich ja eine heimatlose Sozialdemokratin war.
Uschi: Ob du jetzt in der Partei bist oder nicht, - du verfolgst natürlich genau, was da abgeht - von Luger bis zu Dornauer. Wie geht es dir damit?
Sonja: Na, da sind ja wenigstens die Richtigen gegangen. Und Babler hat da nicht herumgedrückt.
Zeit für Kompromisse
Uschi: Vor zwei Monaten, im Dezember vorigen Jahres, als die ersten Koaitionsverhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und NEOS gelaufen sind, haben wir miteinander gesprochen. Du warst damals skeptisch. Seit ein paar Tagen wissen wir, dass es keine Regierung aus FPÖ und ÖVP geben wird. Ich glaube, eine gewisse Erleichterung haben wir das alle gespürt.
Sonja: Ja. Eine große Erleichterung. Vor allem darüber, dass Kickl nicht Kanzler wird, wobei ich mich in den Wochen der Verhandlungen gefragt habe, wo die Vernünftigen in der ÖVP sind. Ich habe mich gefragt, wie weit sie gegangen wären. Klar ist, dass Kickl Kanzler nicht kann, er ist nicht imstande Regierungsverhandlungen zu führen. Er ist auf Radaupolitiker und radikale Opposition geschaltet. Vor allem hat er keine sozialen Kompetenzen. Interessant ist, dass er an sich selbst gescheitert ist, nicht weil die ÖVP gesagt hätte, „das geht nicht.“ Ich war negativ überrascht, dass es nicht mehr und nicht lautere Stimmen innerhalb der ÖVP gegeben hat, die da „Stop“ gerufen hätten, als sich abzeichnete, welche Richtung Kickl vorgibt.
Uschi: Und jetzt? Wie optimistisch bist du? Rechnest du mit einer Koalition?
Sonja: Ja. ÖVP und SPÖ. Ob NEOS oder Grüne wage ich nicht einzuschätzen. Eine Dreier Koalition wäre hilfreich, damit es nicht zu knapp wird. Es müssen Kompromisse geschlossen werde, mit denen alle leben können. Respektieren, wofür die jeweilige Partei, das Gegenüber in der Verhandlung und deren Wählerschaft stehen. Das muss sich in einem Koalitionsabkommen widerspiegeln.
Die Frage der Einnahmenseite ist wesentlich, aber auch da wird es Kompromisse geben müssen, wird sich die ÖVP bewegen müssen. Vermögenssteuer mit der ÖVP wird sich wohl nicht machen lassen, aber dass wir in dieser Koalition wenigstens menschenfeindlichen Positionen klar einen Riegel vorschieben, erwarte ich schon. Es braucht einen Grundkonsens, dass diese Positionen der FPÖ, die die Gesellschaft so vergiftet haben, außen vorgehalten werden. Das würde ich als Marke anlegen.
Uschi: Was denkst du, welche Rolle Sympathien und Gefühle in solchen Verhandlungen spielen? Muss man mit seinem Gegenüber „können“?
Sonja: Es klingt vielleicht altmodisch, aber ich glaube, was eine große Rolle spielt, sind Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit. Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein und unterschiedliche Ideologien vertreten, aber man sollte mit offenen Karten spielen. Sagen, was man tut und tun, was man sagt.
Uschi: Ich habe dich vor zehn Jahren gefragt, ob es noch einen Weg zurück in die Politik für dich gäbe. Du hast es damals nicht ganz ausgeschlossen.
Sonja: Jetzt schließe ich es aus. Zehn Jahre aktiv in der Politik sind genug, ich hoffe, dass ich einen Beitrag leisten konnte und habe viel gelernt in dieser Zeit, aber jetzt sind meine Leidenschaft, meine Energie, mein Herz in der Schule.
Sonja vor ihrem Buchregal
30 Jahre Arbeit mit Gewaltschutz
Uschi: Du warst ab 2015 drei Jahre lang Vorsitzende des österreichischen Frauenrings, hast diese Funktion 2018 zurückgelegt - ich finde, du warst eine sehr gute Vorsitzende und hast durch Kompetenz, aber auch deine Bekanntheit dem Frauenring zu viel mehr Aufmerksamkeit verholfen, als er früher bekam.
Sonja: Ich habe das gerne gemacht, ich hätte das auch noch länger gemacht, aber es fehlten einfach Ressourcen. Ich bin damals drei, vier Mal unter der Woche nach Wien gefahren, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mich entscheiden muss. Der Lehrberuf ist keine Nebenbeschäftigung. Ich habe versucht, mit meiner Arbeit für den Frauenring Schienen zu legen, und glaube, dass da etwas gelungen ist, habe aber gewusst, dass ich das, was dann kommen müsste, nicht leisten kann
Uschi: Du bist immer noch Vorsitzende des Vorstands des Gewaltschutzzentrums Oberösterreich. Inzwischen seit fast 30 Jahren. Das ist schon eine sehr lange Zeit, die dich viel Kraft und Zeit kostet.
Sonja: Das mache ich nach wie vor sehr sehr gerne. Es gibt auch kaum einen anderen Bereich, in dem man soviel lernen und verstehen kann.
Uschi: In diesen 3 Jahrzehnten hat sich im Gewaltschutz enorm viel verändert. Vor allem natürlich durch das Gewaltschutzgesetz, es gibt kaum ein Gesetz, das dermaßen erfolgreich ist.
Sonja: Österreich war bei diesem Gewaltschutzgesetz in Europa - fast weltweit - Vorreiter. Gewalttaten sind strafbare Handlungen, es sind in den meisten Fällen auch sogenannte Offizialdelikte. So werden Vergewaltigungen oder gefährliche Drohungen vom Staat angeklagt und verfolgt, unabhängig davon, ob die Frau selbst eine Anzeige machen will oder ob sie sich dazu in der Lage fühlt. Damit wird deutlich, wir haben ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt. Wer dieses Recht missachtet, macht sich strafbar und wird zu Verantwortung gezogen.
Uschi: Ganz wesentlich war die Rollenveränderung in der Exekutive durch das Gewaltschutzgesetz.
Sonja: Die Polizei hat mit diesem Gesetz das Recht bekommen, Männer wegzuweisen, die in ihrer Beziehung oder danach Frauen bedrohen, schlagen oder bedrängen. Die Beamt:innen mussten nicht unverrichteter Dinge wieder gehen oder die betroffene Frau ins Frauenhaus schicken.
Das Gewaltschutzzentrum wird von der Polizeit informiert, nimmt aktiv mit der Frau Kontakt auf und fragt, welche Unterstützung sie möchte und welchen Weg sie gehen will. Frauen wird damit eine Möglichkeit gegeben, aus einer gewaltvollen Beziehung auszubrechen.
Sonja: Auch in der Justiz hat sich etwas verändert. Da war unter anderem die Anerkennung entscheidend, dass es nicht nur auf den letzten Akt einer Gewaltbeziehung ankommt, sondern, dass Gewalt eine Geschichte hat, die man sehen und einbeziehen muss. Wie sehr Gewalt Frauen traumatisiert, wie sehr sie dadurch in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden, dass es nicht so einfach ist, den Täter anzuzeigen, - diese Erkenntnis hat sich in der Exekutive und in der Justiz durchgesetzt und das ist ganz wichtig.
Johanna Dohnal hat die Basis für das Gewaltschutzgesetz geschaffen und Helga Konrad hat es umgesetzt. Die Frauenhausbewegung hatte ja schon lange dafür gekämpft. An der Erarbeitung des Gewaltschutzgesetzes war auch Maria Schwarz-Schlögelmann beteiligt, mit der ich auch ein Gespräch für frauenleben.eu geführt habe. Sie war damals Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Oberösterreich und ist vier Jahre nach unserem Interview gestorben. Es gibt seit 6 Jahren eine neue Geschäftsführung, aber Sonja Ablinger ist weiter als Vorstandsvorsitzende dabei.
Sonja: Es ist ein Vorteil, wenn man so lange dabei ist. Ich habe inhaltliche Expertise gewonnen und gelernt, wo die Herausforderungen für die Mitarbeiterinnen liegen, was das Zentrum braucht und was notwendig ist, wenn eine Organisation so wächst. Wenn man so lange dabei ist, wächst man hinein und das macht es leichter.
Sonja und Uschi bei der Feier 30 Jahre Gewaltschutzzentrum
Pazifismus in diesen zeiten
Uschi: In unserem letzten Gespräch hast du davon erzählt, wie dich als 13-Jährige die Angst vor einem Atomkrieg gepackt hat, du hast dich dann in der Friedensbewegung engagiert. Ein erster Umbruch in deinem Leben. Wie geht es dir jetzt damit, dass Putin offen mit der Atombombe droht und es scheint, als wäre die Welt überhaupt unsicherer geworden.
Sonja: In Kombination mit Trump erschüttert mich das zutiefst. Ich habe nicht gedacht, dass jemand, der lügt, wenn er den Mund aufmacht, der ein klarer Rechtsbrecher, Frauenfeind und Egomane ist und der bereit ist, einen autoritären Staat aufzubauen, wieder eine Mehrheit kriegt und gewählt wird. In Kombination mit Putin macht mir das Sorgen.
Uschi: So wie es sich jetzt entwickelt, scheinen Sorgen berechtigt zu sein.
Sonja: Man steht fassungslos da. Es ist schlimmer als befürchtet, wie er beginnt die amerikanische Demokratie und die internationale Zusammenarbeit zu zertrümmern. Alle Grundsätze eines politischen Handelns über den Haufen wirft. Er wütet in einer Geschwindigkeit, dass einem übel wird. Es ist noch gar nicht absehbar, wie sich das weiterentwickelt.
Uschi: Wie siehst du den Pazifismus und seine Rolle in dieser Zeit? Da gibt es doch einen Bewusstseinswandel, zum Beispiel was Waffenlieferungen betrifft.
Sonja: Ich glaube, dass wir unseren Pazifismus in der Zeit der Hochrüstung und Aufrüstung entwickelt haben. Damals war klar, dass eine friedliche Welt nur mit weniger Waffen funktioniert. Aber gleichzeitig waren wir überzeugt davon, dass zum Beispiel der Angriff der Alliierten im Zweiten Weltkrieg ganz wesentlich war. Jetzt erinnert mich die Frage, wie sich die Ukraine verteidigen kann, daran. Es ist ein Angriffskrieg eines autoritären Regimes, auch wenn ich mit Selenski nicht immer einer Meinung bin, aber so gesehen finde ich, dass sich Waffenlieferungen schon mit Pazifismus kombinieren lassen.
Die herzensheimat kroatien
Uschi: Deine Eltern waren die letzten 45 Jahre einen großen Teil des Jahres in Kroatien. Auch du hast immer wieder Zeit dort verbracht. Dein Vater ist vor zwei Jahren gestorben. In diesem Sommer musste das Haus in Kroatien geräumt werden, das war schon ein schwieriger Abschied?
Sonja: Kroatien ist Kindheit, ist Jugend, ist eine zweite Heimat. Eine Herzensheimat für uns alle. Meine Eltern haben in der Pension jeweils ein halbes Jahr dort gelebt und dieses kleine Dorf Sveti Jakov war immer ein Bezugspunkt für uns Geschwister und unsere Kinder. Als mein Vater gestorben ist, sind wir alle in Sveti Jakov zusammengekommen. Als wir heuer dann endgültig das Haus ausgeräumt haben, war ich überrascht, wie sehr mich das bedrückt hat und wie schwer das war. Ohne meine Eltern, die dort eine Institution waren und viele gekannt haben, ist das nicht mehr dasselbe. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal hinfahre. Es ist noch offen. Jedenfalls ist es ein Abschied.
die ehe nach 39 jahren
Uschi: Dieser Sommer war der erste, in dem dein Mann Bernd Dobesberger in Pension war. Ihr wart gemeinsam längere Zeit in Amerika und Kanada.
Sonja: Wir sind fast vierzig Jahre zusammen und das war unsere erste lange gemeinsame Reise. Diese Reise hat gebracht, (Sonja zeigt ihre Hand) dass ich einen neuen Ehering habe, weil Bernd seinen im Yellowstone Nationalpark verloren hat. Wir haben zum ersten Mal so einen langen Urlaub, sechs Wochen Tag und Nacht, miteinander verbracht.
Uschi: … und?
Sonja: … und wir waren beide erstaunt, dass wir uns nie auf die Nerven gegangen sind. Es ist uns richtig gut miteinander gegangen, wir haben es genossen und ich habe mir gedacht, dass wir uns nach 39 Jahren noch nicht auf den Wecker gehen, dass wir noch immer so viel Freude an einander haben, dass wir unsere Gemeinsamkeit genießen, das ist beruhigend und schön. Da können es noch ein paar Jahre mehr werden.
Uschi: Wir führen dieses Gespräch wieder in dem Haus, das früher der SPÖ-Politikerin Edith Dobesberger gehört hat, also deiner Schwiegermutter. Das Haus hat sich in den letzten zehn Jahren verändert, aber es hat immer noch den Charme von früher. Wie hat sich euer Leben hier verändert, seit Bernd in Pension ist?
Sonja: Bernd hat viel Angst davor gehabt, dass er in Pension versumpft, was ich nie geglaubt habe. Sein Plan bestand darin, die Geschichte der "Roten Falken" aufzuschreiben. Er steht jetzt nach mir auf, was schon eine Neuerung ist, weil ich so am Frühstückstisch alleine die Zeitung lese. Erst wenn ich das Haus um 5:45 Uhr verlasse, steht er auf und setzt sich an den Schreibtisch. Außerdem reist er viel mit dem Klimaticket, zum Beispiel ist er heute in Wien und dann in Stuttgart bei einer Ausstellung,…. wir haben uns gut dreingefunden. Ich finde es schön, er lebt ein entschleunigteres Leben, erledigt natürlich den Haushalt und am Wochenende verbringen wir viel Zeit miteinander, wenn er nicht gerade irgendwo in einem SPÖ-Seminar referieren muss.
Uschi: Bernd ist sieben Jahr älter als du, ist dir also quasi 7 Pensionsjahre voraus.
Sonja: Ich bin Beamtin, also Pensionsantritt mit 65, aber jetzt habe ich mir gedacht, 7 Jahre sind zu lang. Ich will das früher mit ihm genießen und habe mich entschlossen, mit 62 1/2 in Pension zu gehen. Ich sehe, dass das eine neue Lebensqualität ist, und ich will diese gemeinsame Zeit schon früher mit ihm verbringen.
Sonja und Bernd
fussball und radfahren
Uschi: Dein Sohn ist inzwischen Journalist geworden. Er war eine Zeit bei „Profil“ und ist jetzt Chefredakteur bei „ballesterer“, einem Fußballmagazin. Bist du stolz auf dein Kind?
Sonja: Ja. Ich finde, er hat so ein ansteckendes Lachen, er ist unglaublich empathisch und ein hervorragender Zuhörer und Fragensteller, was für Männer nicht immer selbstverständlich ist. Ich bin stolz darauf, dass wir so ein gutes Verhältnis haben, er, seine Freundin, Bernd und ich. Er wollte schon mit 11 Jahren Journalist werden, dass er dorthin gekommen ist, wohin er wollte, finde ich unglaublich schön.
Uschi: Und ich stelle fest, dass du jetzt „ballesterer“ liest.
Sonja: Ja und obwohl ich mich mit Fußball null auskenne, finde ich die Geschichten über Politik und Fußball spannend. Wobei ich finde ja, dass ich wahnsinnig gut „Abseits“ erklären kann (…..lacht). Es hat einen Sinn, dass es diese Regel gibt, ich gebe zu, ich sehe ein „Abseits“ nicht, aber ich weiß, warum es das gibt.
Bernd, Sonja, Moritz
Uschi: In den letzten Jahren hat Radfahren für dich Bedeutung bekommen. Die Idee zu einem Radurlaub ist in der Zeit der Pandemie entstanden und jetzt radelt ihr als Paar oft zusammen.
Sonja: Allerdings nur flach, wir sind Flachradler.
Uschi: Aber dafür ohne Motor.
Sonja: Wir sagen immer, wir haben Bioräder. Wir suchen Strecken danach aus, dass sie entlang eines Flusses oder rund um einen See führen, da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es flach ist. Wir erleben so tolle Urlaube. Man nimmt Gegend und Strecke ganz anders wahr, als bei einer Autofahrt, auch anders als beim Wandern. (Zögert……) Wobei wir jetzt doch am Überlegen sind, unsere gesamte Ideologie dramatisch zusammenbrechen zu lassen - wie das halt oft bei Ideologien ist - und uns E-Bikes zu besorgen.
Uschi: Dazu kann ich nur gratulieren. Es bereichert das Leben sehr.
Sonja: Deine Erzählungen spielen dabei ja auch eine Rolle (…lacht).
Sonja auf dem Rad
wenn ein neues fenster aufgeht
Uschi: Du warst früher SPÖ-Kultursprecherin der SPÖ, gehst du nach wie vor so oft ins Theater und in Ausstellungen?
Sonja: Ja, wahnsinnig gerne. Ich habe im Keller eine riesige Sammlung von Programmheften, die ich bei jedem Theaterstück, das ich sehe, kaufe und auch lese. Ein gutes Theaterstück ist für mich wie ein Moment, in dem ein Fenster geöffnet wird. Man sieht mehr und sieht etwas weiter, man bekommt einen neuen Blickwinkel auf unsere Welt und unsere Gesellschaft.
Uschi: Du liest sehr viel - was sich angesichts deines Arbeitspensums nur schwer vorstellen lässt. Auf einem Tisch liegen hier im Zimmer immer Bücherstapel, nicht einer sondern zwei oder drei.
Sonja: Ich lese vor allem am Wochenende und in den Ferien, unter der Woche komme ich nicht dazu. Immer geballt. Da passiert es dann manchmal, dass Bücher ineinander rinnen, auch wenn ich mich an den Sukkus der Geschichte erinnere. Aber es gibt natürlich Bücher, die ich nie vergessen werde. .
literarische Vorlieben
Prägend war für mich „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Garcia Marquez. Heute würde ich das nicht mehr so sehen, aber damals, mit 14, als er den Nobelpreis bekam, hat er mich begeistert.
Heinrich Mann „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und der zweite Teil „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“. Ich mag es so, wenn ich Sätze immer und immer wieder lesen kann. Es ist faszinierend, wie es ihm gelingt, eine Geschichte in einen Satz einzubauen. Ich mag es auch bei Shakespeare sehr, wie er etwas in tausend Bilder einbaut. Da ploppt ständig etwas in mir auf.
In der letzten Zeit hat mich Francesca Melandri sehr beeindruckt, „Eva schläft“ und „Alle, außer mir“. An ihr gefällt mir, wie sie Familiengeschichte und politische Geschichte verquickt.
Und dann gibt es viele tausend Bücher….. - schaut auf das Buchregal im Zimmer, geht hin und zieht ein Buch heraus - Fritz Lehner zum Beispiel „Hotel Metropol“, eine Trilogie über Faschismus in Österreich. Mich fasziniert es, wenn du liest und dabei etwas begreifst.
Feministisches Backen
Uschi: Vor mir steht ein Teller mit Lachsrouladen, du kochst gern, das kann ich ja inzwischen nachvollziehen, aber dass du mit einer Freundin in der Vorweihnachtszeit immer Kekse bäckst, finde ich doch bedenklich. Für mich ist das ja der Inbegriff von antifeministisch. Ich habe das Gefühl, dass ich da langsam umlernen muss.
Sonja: Ja, das ist ein harter Prozess (…lacht). Meine Mama hat immer Kekse gebacken und ich backe grundsätzlich sehr gern und Weihnachten eben keinen Gugelhupf, sondern Kekse. Ich habe eine Freundin, mit der treffe ich mich um 8 Uhr früh und wir backen bis Mitternacht. An diesem einen Tag backen wir um die 25 Sorten, die Männer streichen und tunken ein wenig und das macht unglaublichen Spaß. Wir nennen uns die Backwahnsekte.
Uschi: Ach. Soso.
Sonjas Keksteller Weihnachten 2024
Sonja: Wir hatten sogar eine Frauenrunde, in der wir über feministische Fragen diskutiert haben. Die hieß „Feminismus und Keks“ und wir haben dabei Kekse gegessen. Diese Diskussionen waren immer toll - du wirst irgendwann dazustoßen….
Uschi: …..und so hören wir jetzt tatsächlich ein Gespräch mit
Sonja: … Feminismus und Keks auf. (Beiderseitiges Lachen)
Die Gespräche wurden am 20. November 2024 und 15. Februar 2025 in Linz geführt.
Sonja Ablinger
Geboren 1966 in Wels, Oberösterreich
1996 - 1999 und 2007 - 2013 SPÖ-Abgeordnete zum Nationalrat
Von 2005 - 2015 Landesfrauenvorsitzende der SPÖ Oberösterreich
Seit 2013 arbeitet sie wieder in ihrem erlernten Beruf als Lehrerin in Linz.
Von 2015 bis 2018 Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings
2015 Austritt aus der SPÖ
2023 Wiedereintritt in die SPÖ
Seit 2023 ist Sonja Ablinger Direktorin einer Neuen Mittelschule in Linz