Dass sie wütend sein kann, hat sie erst spät entdeckt. Ihr Wiedereinstieg in den Beruf nach zehn Jahren als Hausfrau an der Seite eines Pfarrers hat auch ihre Partnerschaft verändert. Ehrenamtliche Arbeit hat für sie einen besonderen Stellenwert.


Gelassenheit als Fassade

Uschi: Du wirkst sehr gelassen. So, als ob dich nichts so schnell erschüttern könnte. Deckt sich diese Außenwirkung mit deinem Innenleben?

Angela: Nein (…lacht). Das ist eine recht gute Fassade. Das kommt daher, dass ich als ältestes und problemlosestes Kind in meiner Ursprungsfamilie einfach funktionieren musste. Bei den Problemen, die meine Eltern mit sich hatten und die mein Bruder machte, hatte ich das Gefühl zeigen zu müssen, dass bei mir alles irgendwie läuft. Dass ich meinen Weg mache, dass sie sich keine Sorgen machen müssten. Angela

Uschi: Und in Wirklichkeit…

Angela: … hätte ich mir schon gewünscht, dass sie auch einmal nach meinen Bedürfnissen gefragt hätten. Ich habe mit meinen Eltern die Dinge, die mich beschäftigt haben, nie besprochen.

Uschi: Wo wären denn deine Bedürfnisse gewesen?

Angela: Ein großer Punkt war zum Beispiel, dass mir meine Eltern während des Studiums das Leben in einer anderen Stadt nicht finanzieren wollten oder konnten. Ich habe diesen Wunsch zu schnell aufgegeben. Jetzt frage ich mich, warum ich nicht mehr darum gekämpft habe. Ich weiß ich hätte das geschafft, ich habe ohnehin neben dem Studium immer gearbeitet, ich hätte mich finanziell schon über Wasser gehalten.

Uschi: Du hast also während deines Studiums der Diplom-Pädagogik mit Schwerpunkt Sprachheilpädagogik bei deinen Eltern gewohnt. Fehlte dir das Selbstbewusstsein dazu, das allein durchzuziehen?

Angela: Es lag eher daran, dass meine Bedürfnisse nicht wichtig schienen. Ich kann heute noch nicht gut formulieren, was ich brauche. Das lerne ich erst jetzt, mit Mitte Vierzig in einer Therapie und zum Teil auch durch meine Partnerschaft.

Zum ersten Mal wÜtend sein

Uschi: Was braucht es denn, um dich aus der Ruhe zu bringen, kannst du auch wütend werden?

Angela: Das Gefühl der Wut habe ich erst mit Ende Zwanzig entdeckt. Das hatte schon immer in mir gesteckt, aber ich ließ es nicht an die Oberfläche kommen. Das erste Mal wirklich wütend war ich, als mein Mann sich in eine andere Frau verliebt hat. Da spürte ich wirklich zum ersten Mal Wut und dachte: „Aha so fühlt sich das an“.

Uschi: War das ein gutes Gefühl?

Angela: Das war befreiend. Ich habe mich gefragt, warum ich das nicht schon vorher zugelassen hatte. Im Nachhinein denke ich, dass es viel mit meiner Familie zu tun hatte. Dass ich die Ausgeglichene sein musste. Ich hatte das Gefühl, wenn ich anders wäre, dann geht gar nix mehr.

Uschi: Weil da so viel Druck war? Weil die anderen so schräg waren?

Angela: Weil die anderen so viel Platz eingenommen haben. Mein Bruder war sozial und emotional auffällig und meine Eltern konnten das lange Zeit nicht richtig einordnen oder wollten nicht sehen, dass mein Bruder psychisch krank ist. Und meine Schwester hat immer sehr deutlich ihren Unwillen gezeigt, wenn ihr etwas zuwiderlief. Ich habe wohl am ehesten den Erwartungen meines Vaters entsprochen. Der war ein Leben lang unzufrieden. In seinem Beruf zum Beispiel war er solange unglücklich, bis er von seiner Firma entlassen wurde, weil er seinem Vorgesetzten eine runtergehauen hatte. Davor war da ganz viel Spannung.

Partnerschaft als Angelpunkt

Uschi: Was denkst du, macht das Besondere in deinem Leben aus?

Angela: Das kann ich nicht an einem Punkt festmachen. Zum einen die beständige Partnerschaft mit meinem Mann, die durch Höhen und Tiefen geht. Aber in der auch eine ganz große Verlässlichkeit ist, ein großes Interesse am Leben des anderen. Und da sind die beiden Kinder, die großartig sind, mit denen es Spaß macht das Leben zu teilen und zu sehen, wie sie sich entwickeln, wie sie selbständig werden. Und dann das Glück, das ich hatte, jetzt wieder in meinen Beruf einsteigen zu können.

Uschi: Du hast in deinem Erwachsenenleben recht unterschiedliche Rollen innegehabt. Ehefrau des Pfarrers, Hausfrau, Mutter. Aber es gab auch Zeiten, in denen du die Familienerhalterin warst. Welche Rolle entspricht dir denn am meisten?

Angela: So wie es jetzt ist. Mit dieser Aufteilung, bei der ich zum finanziellen Unterhalt der Familie beitrage, aber gleichzeitig Partnerin und Mutter bin. Das geht aber nur, weil wir uns das gut aufteilen und auch mein Mann keine Vollzeitstelle hat.

Uschi: Du bist seit 23 Jahren verheiratet. Als dein Ehemann evangelische Theologie studierte, warst du etliche Jahre hindurch fürs Geldverdienen zuständig. Wie war das für dich?

Angela: Völlig in Ordnung. Ich habe das sogar genossen, weil wir so etwas wie eine Studentenehe führten. Wir waren in diesem studentischen System drinnen. Ich war bei den Partys mit dabei, obwohl ich mich oft früh ausklinkte, da ich ja am nächsten Tag wieder arbeiten musste, während die anderen zum Seminar gingen oder eben nicht gingen und bis Mittag schlafen konnten. Da fingen wir auch mit unseren gemeinsamen Reisen an, mit Zelt und wenig Geld. Wir haben in den Ferien und an den Abenden viel Zeit mit Freunden verbracht…

Angela HÜSEMANN

Geboren 1969 in Leverkusen, BRD

1989 - 1994 Diplom-Pädagogik Studium in Köln mit Schwerpunkt Sprachheilpädagogik

1994 - 2004 Arbeit an verschiedenen Kliniken in Deutschland

2004 - 2014 ehrenamtliche Tätigkeiten Wittenbach und Sankt Gallen

Seit 2013 arbeitet Angela an der Rehaklinik Zihlschlacht, CH

Angela ist verheiratet und Mutter von 2 Kindern im Alter von 6 und 8 Jahren

"Ich kann ohne dich leben"

Uschi: Während dein Ehemann seine Ausbildung in Emden, in Ostfriesland machte, hast du 350 Kilometer entfernt in Wuppertal gelebt. Wie funktionierte denn diese Beziehung auf Distanz, die ihr immerhin dreieinhalb Jahre so geführt habt?

Angela: Ursprünglich hatte ich ja vorgehabt mitzugehen, aber da verliebte sich mein Mann in eine andere Frau und ich musste mir darüber klar werden, wo wir standen und herausfinden, ob ich diese Partnerschaft wollte oder nicht. In Wuppertal hatte ich Sicherheit in einem stabilen Freundeskreis und in der Kirchgemeinde, der ich mich zugehörig fühlte. Und ich hatte die Arbeit in der Klinik, die ich sehr liebte, während ich in Ostfriesland irgendeine Stelle hätte annehmen müssen. Letztlich war es dann eine sehr gute Zeit mit dieser Wochenendbeziehung. Während der Woche hatte ich die Möglichkeit darauf zu achten, wo meine Bedürfnisse lagen und am Wochenende war der Fokus auf der Partnerschaft. Da waren wir sehr aufeinander konzentriert und im Gespräch miteinander, was wir damals besonders brauchten. Angela

Uschi: Die Verliebtheit deines Mannes in die andere Frau hat sich in dieser Zeit aufgelöst.

Angela: Wir sind durch die Art, wie wir Partnerschaft gelebt haben, wieder gewachsen. Für mich war entscheidend, dass ich irgendwann einmal sagen konnte: „Ich weiß, dass ich ohne dich leben kann. Ich bin überlebensfähig ohne dich.“ Die Gefahr einer gewissen Abhängigkeit, die es vorher gegeben hatte, war in diesem Moment wie durchbrochen.

Uschi: Ihr seid sehr offensiv damit umgegangen, dass sich dein Mann für eine andere Frau interessiert hat.

Angela: Ja, ich bin ihm dankbar dafür, dass er mir das sofort gesagt hat. Das war zwar ein Schock, aber es war sicher besser so, als wenn er irgendwann damit herausgerückt wäre.

Uschi: Wobei wir aber nicht von einer Affäre sprechen, sondern nur von einem Gefühl für eine andere Frau.

Angela: Ja, und es wurde nicht erwidert, wofür ich auch dankbar bin (…lacht).

Uschi: Aber das ist schon eine besondere Qualität in einer Beziehung zu sagen, dass einem eine andere gefällt.

Angela: Ja, das ist ein Teil unserer Partnerschaft, dass wir über unsere Sehnsüchte sprechen. Obwohl der andere vielleicht nie in der Lage sein wird, diese Sehnsüchte zu erfüllen, aber da muss ich mich halt selber fragen, ob ich das dann trotzdem will.

AbhÄngig vom Ehemann

Als Angelas Ehemann seine Ausbildung beendet hatte, übersiedelten die beiden in die Schweiz, wo er eine Stelle als Pfarrer bekam. Angela gab ihren Beruf auf und bekam zwei Kinder. Zehn Jahre lang ging sie keiner bezahlten Arbeit mehr nach.

Uschi: Du hast dein Leben als Hausfrau und Pfarrersfrau recht intensiv gelebt. Kindererziehung, Kochen, Gartenpflege. Außerdem hast du viel ehrenamtlich gearbeitet. Du warst also nicht untätig. Aber warum hast du keine bezahlte Arbeit gesucht?

Angela: Mein Mann war so in seinen Beruf eingespannt, dass ich Angst hatte, dass für uns als Paar und Familie nicht mehr genug Zeit bleibt.

Uschi: Hast du dich nie zurückgesetzt gefühlt?

Angela: Nicht so sehr, wie ich das von anderen Pfarrersfrauen gesehen habe. Vielleicht habe ich mir auch in der Rolle gut gefallen, ihm den Rücken freizuhalten, alles zu organisieren (…lächelt ironisch), alles im Griff zu haben.

Uschi: Hat es dir nie Angst gemacht, von deinem Mann finanziell abhängig zu sein?

Angela: Nein. Es gab vielleicht ganz kurze Momente, in denen ich mich fragte, ob ich so schnell eine neue Stelle finden würde, wenn etwas passierte.

Uschi: Ja, wenn ihm was passiert oder er eine andere findet. So was kommt ja vor.

Angela: (…lacht) Ich hatte keine großen Ängste…

Uschi: Warum nicht?

Angela: Ich kann es dir nicht sagen. Ich habe mich mit diesen Gedanken einfach nicht beschäftigt, vielleicht auch, weil sie unangenehm waren.

Uschi: Aber dir ist schon bewusst, dass das der Klassiker ist, bei dem es für viele Frauen ein böses Erwachen gibt. Da nicht hinzuschauen, - das wundert mich schon.

Angela: Ich weiß nicht, vielleicht hatte ich einfach ein Stück Vertrauen, dass ich in so einem Fall einen Weg gefunden hätte. Es hätte mich nicht völlig umgehauen. Ich hatte ja schließlich eine Ausbildung.

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