In ihrer Kindheit ging es immer irgendwie um Kunst. Zumindest zeitweise ließ sich ihre Liebe zur Literatur mit ihrem Beruf als ORF-Journalistin verbinden. Das, was sie "Häppchen-Journalismus" nennt, vermisst sie jetzt, in einer Art Vorruhestand, nicht. Dass das Leben für sie noch etwas Neues bringen wird, - davon geht sie aus.


La Traviata im Wohnzimmer

Die Liebe zur Literatur ist ein bestimmendes Merkmal in Silvanas Leben. Das zeigt sich in ihrer Arbeit in Radio und Fernsehen oder auch in verschiedenen Literaturjurys. Sie hat selbst drei Bücher geschrieben. Aber begonnen hat es eigentlich mit Musik. Ihr Vater, Komponist und Pianist, war eine prägende Gestalt in ihrem Leben und hat ihr den Zugang zur Musik eröffnet.

Silvana beim Lesen

Silvana: Als ich fünf Jahre alt war, haben wir im Theater „La Traviata“ gesehen. Wenn man als Kind Violetta auf der Bühne sterben sieht, und dann sitzt keine zwei Stunden später Violetta, ohne ihr Theaterkostüm, bei uns im Wohnzimmer, dann ist das schon sehr prägend. Immer ging es bei uns irgendwie um Kunst. Mein Vater hatte enormes Wissen auch in der Malerei, nur nicht in der Literatur.

Uschi: Du hast trotzdem deinen Weg zu den Büchern gefunden.

Silvana: Ja, aber meine Großmutter mochte das gar nicht wenn ich gelesen habe, da sie das unweiblich fand. Sie vertrat eine unglaublich konventionelle Welt der Frau. Auch meine Mutter hatte ein sehr konservatives Frauenbild. Dabei hatte sie sich in den 40er Jahren, als sie Mitte zwanzig war, von Salzburg aus nach London und nach Mailand aufgemacht, war also schon sehr mutig. Sie war es auch, die mir vermittelt hat, wie schön Lesen sein kann. Das erste Buch, das sie mir gab und das über Kinderliteratur hinausging, war das Buch „Die gute Erde“ von Pearl S. Buck. Mein Einstieg. Und dann habe ich alles von Pearl S. Buck gelesen. Außerdem prägte mich noch eine Deutschlehrerin, die mit mir außerhalb des Unterrichts viel über Bücher gesprochen hat und die mir schon als 13-jährige nahelegte, beruflich etwas mit Literatur zu machen.

Silvana Steinbacher

Geboren 1957 in Turin, Italien Kindheit in Italien und Salzburg

Verheiratet, eine Tochter

Bis 2010 Kulturredakteurin für Radio und Fernsehen zuerst beim ORF in Salzburg, dann im Landesstudio Oberösterreich

Gestaltung von rund 50 Hörfunkfeatures und Hörspielen, zahlreiche Literaturmoderationen und Diskussionsleitung zu verschiedenen Themen

Schauspielausbildung in Wien, Masterstudium der Politikwissenschaft in Krems, abgeschlossen mit dem Master of Science

Buchpublikationen:
„Georg Hamminger. Ein Mörder und seine Zeit“, (Edition Geschichte der Heimat)
„Abgestempelt. Fremdsein in Österreich“, (edition sandkorn)
„Zaungast. Begegnungen mit oberösterreichischen Autorinnen und Autoren“, (Drava Verlag)

Todessehnsucht

Nach der Matura entschied sich Silvana für ein Schauspielstudium, merkte aber bald, dass sie beruflich etwas anderes machen wollte. Rückblickend denkt sie, dass ein Germanistikstudium sinnvoller gewesen wäre. Auf die Frage, ob sie als junges Mädchen selbst geschrieben hat, kommt ein schnelles „ja, natürlich“, als wäre das gar nicht anders denkbar.

Silvana: Zwischen 10 und 13 Jahren habe ich Gedichte geschrieben. Ich war sehr eifrig bei der Sache. Mein Vater hat diese Gedichte auch aufgehoben, binden lassen und mir später einmal zum Geburtstag geschenkt. Ich finde sie mittlerweile ganz nett, teilweise absurd und ein bisschen obskur.

Uschi: Und was hast du gelesen, nachdem du die Pearl S. Buck-Phase hinter dir hattest?

Silvana: Als ich 17 war, bedeutete Rilke alles für mich. Der Todesgedanke in seinen Gedichten hat mich fasziniert. Die Beschäftigung mit dem Tod habe ich dann sehr inszeniert in meinem Leben. Ich war wahrscheinlich einer der ersten Grufties. Schwarz und weiß geschminkt, dunkel umrandete Augen. Ich habe sehr schwülstige Todessprüche von mir gegeben, weil ich bemerkte, dass das Aufmerksamkeit erregte und ich bin damit einigen sehr auf die Nerven gegangen.

Uschi: Wie kam das? Durch den frühen Tod der Mutter, als du 14 warst?

Silvana: Ja sicher, denn Eltern empfindet man als Heranwachsende ja als unsterblich. Und dann ändert sich plötzlich alles. Das war sicher ein sehr sehr großer Wendepunkt in meinem Leben. Selbst jetzt noch berührt es mich, wenn du zum Beispiel erzählst, dass du dich mit deiner Mutter triffst oder dir bei ihr Rat holst. Das alles habe ich nie erlebt. Dazu kommt, dass ich das Gefühl habe, dass ich sie nicht richtig kennengelernt habe, obwohl ich natürlich viele Erinnerungen an sie habe, aber als Erwachsene lernt man einen Menschen ja dann noch einmal anders kennen. Insofern ist mein Bild von ihr unvollständig geblieben.

Ein Haus voller Kinder

Mit zwanzig heiratete Silvana, aber als eigentlichen Wendepunkt für ihr Leben empfand sie die Geburt ihrer Tochter Ligeia. Freunde bemerkten, dass sie damals viel gelassener wurde. Dabei war das Leben mit Kind für sie als angehende Journalistin beim ORF-Radio in Salzburg oft schwierig.

Uschi: Du hast mir einmal erzählt, dass du dir ein Leben in einem Haus mit vielen Kindern durchaus vorstellen könntest.

Silvana: Ja, ich wollte zwar nicht die traute Idylle, aber zu einem Leben mit einem Mann, der gerne drei oder vier Kinder gehabt hätte, hätte man mich nicht lange überreden müssen. Mein damaliger Mann wollte das nicht. Eine gewisse Wehmut und eine leichte Aggression sind davon geblieben und der Beziehung hat das sicher nicht gut getan. Das Ende der Ehe war dann der nächste Umbruch in meinem Leben.

Journalismus in Häppchen

Uschi: Du warst den größten Teil deines Lebens Journalistin. Gerne?

Silvana: Unterschiedlich. Die schönste Zeit war, als ich begonnen habe, für Ö1 Features und Hörspiele zu machen. Es war so schön, sich ein oder zwei Wochen mit einem Thema zu beschäftigen. Was mir im Journalismus immer schwer gefallen ist, waren die Häppchen, die man oft zubereiten musste. In der Früh ins Studio, dann irgendeine Geschichte, die noch am selben Tag auf Sendung geht. Das war mir immer zu wenig substanziell. Und diese Arbeit unter großem Druck mochte ich nicht. Dieses Wissen, dass man vielleicht nicht so formulieren kann, wie man es unter anderen Umständen könnte. Aber es muss auf Sendung und man ist im schlimmsten Fall nicht einmal zufrieden damit.

Silvana beim Schreiben

Uschi: Hat deine Arbeit als Journalistin dein Denken sehr geprägt?

Silvana: Ja, ich glaube es hat mich zum Beispiel flexibler gemacht. Diese ständige Auseinandersetzung mit Menschen, das Kennenlernen von Menschen, das habe ich sehr schön gefunden, die Dynamik in Gesprächen, wenn man lernt, wie man Gespräche lenken kann, das war schon prägend. Aber das hat sich ja verändert. Damals konnte man wirklich Gespräche führen, heute sind es die kurzen „Sager“, die gesucht werden.

Nur nichts Leichtes in der Literatur

Silvanas erster Mann war Schriftsteller, ihr jetziger Mann ist Schriftsteller. Manchmal fragt sie sich, was gewesen wäre, wenn sie einen Historiker oder einen Bäcker kennengelernt hätte. Ihrer Meinung nach kann sich ein Menschenleben in sehr viele Richtungen entfalten. Andererseits heiratete sie eben keinen Bäcker, ließ sich speziell vom jetzigen Ehemann, der im Bereich des Experimentellen arbeitet, eine neue literarische Welt erschließen. Auf die Frage nach Autorinnen und Autoren, die sie im Laufe ihres Lebens beeinflusst haben, erwähnt sie Doris Lessing, die russischen Autoren, im Speziellen Dostojewski und die Absurden, wie Ionesco oder Samuel Becket. Als sie zum ersten Mal „Warten auf Godot“ las, war sie hingerissen.

Uschi: Haben dich diese Autoren auch inhaltlich beeinflusst? Haben sie dein Denken verändert oder in eine Richtung gelenkt?

Silvana: Ja auf jeden Fall. In Richtung Feminismus zum Beispiel. Oder auch Sartre oder Camus. Außerdem hatte ich meine esoterische Phase, so mit 19…

Uschi: Da ist das noch verzeihlich…..

Silvana: Ja ich hatte eine gewisse Sehnsucht. Ich hätte es sehr beruhigend gefunden, dass da so etwas wie ein übergeordneter Plan ist. Aber das war dann nie so mit der Vernunft vereinbar. Die Sehnsucht war da, aber mit der Lektüre von Sartre und Camus und einigen anderen Autoren, die ich gelesen habe, nicht vereinbar.

Uschi: Alle Autoren, die du jetzt erwähnt hast, haben etwas Schwermütiges.

Silvana: Ich möchte bei Literatur nichts Leichtes. Ich möchte mich auseinandersetzen. Es ist wunderbar, wenn sich neue Räume oder Denkmöglichkeiten erschließen. Und das gilt dann auch für das Theater oder für Malerei. Nur beim Fernsehen ist das anders. Wenn ich eine schwere Zeit habe, dann ist das das Medium, durch das ich in eine angenehmere Welt entfliehen kann.

Uschi: Aber diese angenehme Welt hast du in der Literatur nie gesucht.

Silvana: Nein, nie.

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