Wenn sie von ihren Enkelkindern erzählt, wird sie sehr emotional. Mit ihnen gemeinsam ist sie nach Abdu Dhabi gereist, dem Geburtsort von Ullis Kindern. In den letzten Jahren hat sie mit dem Bergsteigen begonnen und die höchsten Gipfel Österreichs erklommen. Als Impfskeptikerin lässt sie sich trotzdem impfen, wenn es die praktischere Alternative ist. Ulli ist ein unkomplizierter Mensch, was vielleicht auch einer gewissen Bequemlichkeit geschuldet ist. Im Hinblick auf das Altern möchte sie vor allem schöne Erlebnisse sammeln.
Hier geht es zum ersten Interview, das wir geführt haben: Gespräch 2014 ![]()
Das Wichtigste
Uschi: Vor ziemlich genau 12 Jahren haben wir unser erstes Gespräch für frauenleben.eu geführt. Du scheinst mir seit damals unverändert. Dabei hat sich in deinem Leben natürlich einiges verändert. Abgesehen davon, dass du in Pension bist, - was kommt dir als erstes in den Sinn?
Ulli: Das Wichtigste ist, dass ich Großmutter geworden bin. Ich habe vier Enkelkinder. Mein Sohn hat zwei Töchter und meine Tochter hat zwei Söhne. Sie sind zwischen viereinhalb und acht Jahre alt.
Uschi: Du kriegst gerade einen ganz emotionalen Blick…
Ulli: Ja, weil das einfach wirklich wichtig ist.
Uschi: Was ist es, dass dich so bewegt?
Ulli: Dass alle Enkelkinder gern zu mir kommen. Alle sind gerne da, fragen, „Oma, darf ich wieder zu dir kommen und bei dir schlafen?“. Am Samstag waren wir mit Luis Skifahren und es ist so schön zu beobachten, wie er das lernt und welche Freude er dabei hat.
Uschi: Sind das alles nur Besuche oder auch regelmäßige Betreuungspflichten für dich?
Ulli: Nur Besuche. Manchmal, wenn die Eltern keine Zeit haben, zum Beispiel in den Semesterferien oder im Sommer kann es sein, dass sie länger da sind. Aber nicht so regelmäßig wie es bei anderen Großeltern oft ist. So ist es bei mir nicht. Was ich angenehm finde.
Uschi: Fühlst du dich ein bisschen als Erzieherin oder bist nur die liebe Oma, bei der die Kinder alles anstellen dürfen?
Ulli: Nein, ich habe schon meine eigenen Regeln. Da darf man nicht alles tun. Sie wissen auch, dass sie bei der Oma andere Sachen dürfen als bei der Mama. Sie wissen, dass es in jedem Haushalt eigene Regeln gibt. Das funktioniert gut. Das macht es leicht. Anstrengender ist es gerade zur Zeit manchmal, wenn alle zwei Buben kommen, weil die ganz schön Gas geben, weil sie einfach so eine Gaudi haben. Sie zu bändigen, ist teilweise anstrengend. Aber es ist trotzdem lustig.
Uschi: Wo liegt der Unterschied für dich im Verhältnis zum Erziehen deiner Kinder, als sie so alt waren, wie deine Enkelkinder jetzt?
Ulli: Damals war ich Alleinerzieherin, was eine völlig andere Situation war. Da ging es darum, das eigene Leben auf die Reihe bringen, eventuell einen neuen Partner finden und für die Kinder da sein, das ist schon sehr anstrengend. Damals war ich sehr gefordert.
Uschi: Während jetzt die Enkel in eine Struktur kommen, in der die Dinge relativ gesettelt sind.
Ulli: Ja, genau. Das ist einfach nur entspannt. Wir unternehmen viel, sie gehen sehr gerne wandern. Dabei habe ich von Anfang an klar gemacht, dass ich sie nicht tragen werde. Natürlich haben sie es probiert und ein wenig gejammert, dass sie schon „sooo müde“ sind, aber sie haben es akzeptiert, als ich ihnen gesagt habe, dass sie jüngere Beine als ich haben, dass sie mehr Kraft und Muskeln haben.
Uschi: Das ist sehr typisch für dich, - diese klaren Ansagen. Dieser praktische Zugang.
Ulli: Ja und das verstehen sie auch. Umhätscheln ist nicht so das meine. Ich bin nicht wunderlich mit ihnen.
Auf dem Gipfel
Uschi: Wir haben uns vor ca. 20 Jahren im Training kennen gelernt. Ein Training für Bauch und Rücken, hauptsächlich Kräftigung. Du warst immer eine der Besten in der Gruppe, bist generell sportlich. Das hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt.
Ulli: Ja, nur mit den Motorradtouren haben wir aufgehört. Das haben wir früher oft und lange gemacht. Jedes Jahr einen langen Urlaub auf dem Motorrad. In der Pension haben Manfred und ich mit dem Berggehen und Bergsteigen angefangen. Auch Hochtouren machen wir, also gleich ein bisschen mehr.
Uschi: Was ist es, das dich da treibt?
Ulli: Eigentlich hat es mit einer Fitnessuhr angefangen. Da kriegt man Punkte und Belohnungen, ich sehe, wo ich gegangen oder gelaufen bin, wieviele Höhenmeter und wie schnell. Das taugt mir. Für mich ist das Ansporn.
Uschi: Wir reden jetzt von „richtigen“ Touren.
Ulli: Wir haben die vier höchsten Berge Österreichs bestiegen. Großvenediger, Wildspitze, Weißkugel und den Großglockner über den Stüdlgrat. Das sind so die Highlights.
Uschi: Wie geht es dir dabei? Bist du davor nervös?
Ulli: Vor dem Großglockner habe ich schon ziemlich Respekt gehabt, aber dann habe ich mir gedacht, „eigentlich ist der nur um 20 Meter höher als die Wildspitze. Das ist lächerlich. Das schaffe ich auch.“
Uschi: Wie ist es dir dann gegangen?
Ulli: Gut, eigentlich sehr gut. Manfred hat eine 3-Tages-Tour ausgesucht. Das war schon hart, wir sind sogar die Romariswand gegangen. Selbst unser Bergführer, mit dem wir oft gehen, hat das heftig gefunden.
Uschi: So etwas geht ihr? Ich habe nie ganz verstanden, warum man auf einen Gipfel hinauf will. Mir fehlt das Gipfel-Gen.
Ulli: Das habe ich auch nicht. Ich gehe halt einfach mit. Ich muss nicht unbedingt auf den Gipfel. Ich würde auch davor umdrehen. Auch bei Skitouren. Ich bin nicht so ehrgeizig.
Uschi: Wo liegt das Erfolgserlebnis oder das emotionale Erlebnis für dich?
Ulli: Naja, als ich zum Beispiel bei der Glockner-Tour oben gestanden bin, war ich schon sehr erleichtert, weil es einfach schön ist. Wenn man dann das alles sieht und man weiß, man hat das jetzt geschafft.
Uschi: Wenn du so erzählst, strahlst du sehr.
Ulli: Es war auch wirklich einfach schön. Sehr erfüllend. Wobei ich nicht glaube, dass ich in Zukunft weiter so hohe Berge machen werde. Die vier höchsten habe ich ja.
Uschi: Ängste,vor allem Höhenangst, hast du nicht?
Ulli: Doch, doch, das kenne ich schon. Wenn ich auf einen Berg hinaufgehe, und es ist sehr steil, darf ich nicht hinunterschauen. Ich schaue nur auf die paar Meter vor mir, auf die unmittelbaren Aufgaben, auf die Griffe vor mir.
Uschi: Aber du musst ja auch wieder hinunter.
Ulli: Ja, aber für den Abstieg nehmen wir meist eine andere Route, die sanfter ist. Das funktioniert dann schon.
Das Altern Spüren
Uschi: Du gehst immer zusammen mit deinem Lebenspartner Manfred, mit dem du schon 30 Jahre zusammen bist, auf den Berg. Ich kann mir vorstellen, dass dieses gemeinsame Erleben in einer Beziehung eine wichtige Rolle spielt.
Ulli: Ja, es hat schon was, ein Team zu sein. Früher ist Manfred Skitouren gegangen, bei denen ich anfangs nicht mit bin, irgendwann habe ich es doch ausprobiert und jetzt bin ich gerne dabei. Ich muss allerdings auf meine Grenzen achten und gehe nicht überall mit. Wenn man Steigeisen braucht und die Ski auf dem Rucksack trägt, - also das brauche ich dann nicht mehr.
Uschi: Du wirkst so robust. Spürst du das körperliche Altern?
Ulli: Ja. Das letzte Jahr war nicht mein Jahr. Ich hatte Probleme mit der Schilddrüse, musste mit Tabletten gegen hohes Cholesterin beginnen und mehrere Antibiotika gegen Helicobacter nehmen, wodurch ich Allergien entwickelt habe. Dazu ist noch ein Skiunfall gekommen.
Uschi: Also auch du bleibst nicht unbehelligt vom Altwerden, die Kondition, die du für deine Unternehmungen brauchst, hast du aber noch. Da hilft dir auch regelmäßiges Laufen. Das machst du schon länger.
Ulli: Wobei ich merke, dass ich beim Laufen langsamer werde. Ich trainiere gerade gemeinsam mit meiner Schwester für den Frauenlauf in Wien. Mal sehen, ob sich unser Lauftempo durch das Training wieder was verbessert.
Uschi: Warum nimmst du ausgerechnet beim Frauenlauf teil?
Ulli: Das ist Zufall, hat sich durch meine Nichte so ergeben und wir haben jedes Jahr viel Spaß daran. Das ist schon Tradition. Wir sind nicht sehr ehrgeizig.
Uschi: Also ohne Druck.
Ulli: Naja, Druck macht man sich schon ein bisschen selber. Wir sind schon angespannt und möchten das Beste geben. Aber wenn das Beste halt nicht mehr so schnell ist, ist es auch egal.
Familienbesuch in Abu Dhabi
Uschi: Ein großer und sehr spannender Teil unseres letzten Gesprächs waren deine Auslandsaufenthalte. New York, Abu Dhabi und Kaduna in Nigeria. In all diesen Städten hast du gewohnt, hast dort länger gelebt. Wie denkst du heute an die Zeit zurück?
Ulli: Ich habe die Zeit in Nigeria total genossen. Das Leben mit Leuten, die so eine Lebensfreude haben, ist ganz anders als bei uns. Ich habe dabei einen Entdeckersinn entwickelt. Das suchen, was man braucht oder was man brauchen könnte. Pionierhaft irgendwie.
Ulli hat bei unserem letzten Gespräch davon erzählt, wie sie Lust auf Schnitzel hatte und auf dem Schweinemarkt eine Sau erstanden und heimgetragen. Hier die Geschichte dazu: Link
Uschi: In Nigeria waren deine Kinder schon mit dabei. Geboren wurden sie in Abu Dhabi. Als ihr dort weg seid, waren sie noch sehr klein.
Ulli: Thomas war zwei Jahre, Sandra erst zwei Wochen, als wir die Emirate verlassen haben. Sie werden oft darauf angesprochen, dass Abu Dhabi in ihren Geburtsurkunden steht. Das hat mich beschäftigt, weil sie diese Stadt ja eigentlich nie wirklich kennengelernt haben. Im Laufe der Jahre ist in mir der Wunsch entstanden, ihnen zu zeigen, wo sie geboren sind. Vor einigen Monaten habe ich vorgeschlagen, dass wir alle gemeinsam hinfliegen.
Uschi: Wie haben sie darauf reagiert?
Ulli: Sie waren sofort begeistert. Zu Weihnachten 2025, direkt am 24. Dezember sind wir geflogen. Zu neunt. Die ganze Familie.
Uschi: Niemand von euch war seit 40 Jahren dort. Auch du nicht. Die Stadt hat sich natürlich seit damals stark verändert. Wie war das für euch als Familie?
Ulli: Super. Die Enkelkinder haben so eine Freude gehabt, waren so abenteuerlustig. Es hat kein Sudern, kein Jammern gegeben. Es war einfach schön. Wirklich toll. Es war schon arg, wie sich die Stadt in 40 Jahren verändert hat. Alles ist so enorm gewachsen. Lustigerweise ist so ziemlich das einzige Gebäude, das so ausschaut wie damals, das Corniche Hospital. Das ist das Krankenhaus, in dem meine Kinder zur Welt gekommen sind. Es war seltsam, als wir bei einem Stadtspaziergang durch Abu Dhabi plötzlich davor gestanden sind. Irgendwie hat mich mein Instinkt geleitet. Alles war wie damals. Mein Sohn Thomas hat später erfahren, dass dieses Krankenhaus umgebaut und komplett erneuert wird. Ein Jahr später hätten wir das nicht mehr so erleben können.
Uschi: Was hast du da empfunden?
Ulli: Freude. Einfach Freude, dass dieser Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist.
Uschi: Hat es was in eurem Familiengefüge verändert?
Ulli: Nein… wir haben uns einfach alle gefreut. Aber dass sich irgendwie was dramatisch verändert hat, kann ich nicht sagen. Toll war ein Ausflug in die Wüste. Das war einfach perfekt. Die Wüste dort ist besonders schön. Herrliche Sanddünen, keine Steinwüste, sondern eine richtig schöne Sandwüste. Perfekt zum Sandboarden. Wir hatten das volle Programm. Alles wurde uns geboten: Eine Show mit Feuertänzern, einer Bauchtänzerin, Grillen und ein toller Sternenhimmel. Es war fast kitschig.
Uschi: Ihr wart eine Woche dort und hattet das Glück, auch gut nach Hause zu kommen. Vor dem Krieg, nach dessen Beginn Tausende Menschen auf arabischen Flughäfen festgesessen sind.
Ulli: Ja, wir haben das unbeschwert erleben können. Naja bis auf den Einbruch…
Der Einbruch
Uschi: Bei dir und Manfred ist während eurer Abwesenheit ins Haus eingebrochen worden. In einer Siedlung, in der man nicht damit rechnet.
Ulli: Die Einbrecher haben richtig brutal die Türe aufgebrochen. Wir sind vor unserer Ankunft in Österreich davon verständigt worden und haben das Haus gemeinsam mit der Polizei betreten. Da hatte die Polizei schon die Spuren gesichert und fotografiert. Der Boden war übersät mit unseren Sachen, die Einbrecher haben herausgerissen, was möglich war, alles durchwühlt und bis in den letzten Winkel durchsucht. - Was es zu holen gab, haben sie mitgenommen.
Uschi: Es gibt Menschen, die empfinden so etwas als extremen Einschnitt in ihr Privatleben, einen Einbruch in die Intimsphäre. Viele leiden noch monatelang sehr darunter. Wie war das bei dir?
Ulli: Naja, die ersten zwei Tage habe ich schon Angst gehabt, auf jedes Geräusch geachtet und ein ungutes Gefühl, dass ich beobachtet werde. Vor allem in der Nacht. Da habe ich mich gar nicht gut gefühlt. Aber dann habe ich begonnen zusammenzuräumen, habe alles weggeräumt. Dann ist es besser gegangen. Ich bin halt ein Typ, der, glaube ich, schnell vergisst. Ich habe mich an den Sprung in der Tür gewöhnt, an die Scherben (Ulli deutet auf die Spuren, die auch jetzt noch sichtbar sind). Wir haben viel zu tun gehabt, Listen für die Polizei gemacht und die Handwerker haben mit ihrer Renovierungsarbeit begonnen…. Aber jetzt… eigentlich ist der Einbruch für mich abgehakt.
Uschi: Sicher? Aber es ist doch nicht so wie davor?
Ulli: Nein, ist es nicht, weil die Sicherheit hier in der Siedlung nicht mehr gegeben ist. Ich weiß jetzt, dass so etwas sogar bei uns passieren kann. Mitten in der Siedlung.
Uschi: Und vorher hattest du dieses Gefühl der Sicherheit?
Ulli: Ja, unbedingt. Wir haben noch kurz vor unserer Abreise mit Nachbarn darüber geredet. Weil bei einem Nachbarn am Rande der Siedlung eingebrochen worden ist, sind wir gefragt worden, ob wir Angst haben, dass etwas passieren könnte. Wir haben uns das einfach nicht vorstellen können.
Das "Ridi-Gen"
Uschi: Du bist grundsätzlich ziemlich resilient. Du hast eine gewisse Gelassenheit und ein sehr sonniges Gemüt, wie du in unserem letzten Gespräch auch selbst betont hast.
Ulli: Ja. Das ist das „Ridi-Gen“. Meine Mama hat Maria geheißen, ist aber Ridi genannt worden. Das „Ridi-Gen“ ist das Fröhliche, das Aufgeschlossene, das ich von ihr habe.
Uschi: So wirst du auch von anderen wahrgenommen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du unangenehm wirst.
Ulli: Das geht schon. Ich kann sehr böse sein. Sehr direkt und das kann verletzend sein. Wobei ich mich jetzt schon ein wenig zurückhalte, Man denkt ja dann doch über sich selbst nach, darüber welche Fehler man macht und versucht halt dann, etwas besser zu machen.
Uschi: Ein Trigger …
Ulli:… ja...die Erinnerung an ein Gefühl... aber ich kann jetzt besser damit umgehen. Und es dauert nicht mehr eine Ewigkeit, bis dieser Zustand vergeht. Das ist, glaube ich, entscheidend.
die impfgegnerin
Uschi: Wir beide hätten fast einmal gestritten.
Ulli: Wir? Wirklich?
Uschi: Wir wären während der Corona-Epidemie fast aneinander geraten.
Ulli: Das könnte sein…..
Uschi: Da ging es um die Impfungen gegen Corona. Du gehörst zu den wenigen Menschen aus meinem näheren Umfeld, die strikt gegen die Impfung waren.
Ulli: Ich habe mich dann aber impfen lassen, wie es geheißen hat, dass alle daheim bleiben müssen, die nicht geimpft sind.
Uschi: Stimmt, aber du hast dich anfangs nicht impfen lassen und behauptet, das wäre deine Sache. Worauf ich dir vorgeworfen habe, dass es auch meine Sache wird, wenn du mich ansteckst.
Ulli:(lacht) Du musst mir ja nicht nahekommen.
Uschi: (lacht). Ja genau so was hast du damals auch gesagt.
Ulli: Es war dann so, dass ohne Impfung nichts mehr gegangen wäre. Keine Skitouren, kein Skifahren, kein Training. Nichts hätten wir machen können. Und dann sind wir eingeknickt…
Uschi: Eingeknickt? So empfindest du das?
Ulli: Ja.
Uschi: Vielleicht hat es dir das Leben gerettet?
Ulli: Nein das glaube ich nicht (lacht). Sicher nicht.
Uschi: Du bist eine Anhängerin der Alternativmedizin. Bist du auch eine starke Kritikerin der Schulmedizin?
Ulli: Nein, Bei mir ist das sehr ausgewogen, das soll nebeneinander stehen. Wenn es geht, greife ich auf Homöopathie zurück. Es ist nicht so, dass ich die Schulmedizin ablehne. Aber impfen lasse ich mich nicht, wenn es nicht sein muss. Die Gelbfieberimpfung zum Beispiel musste ich machen lassen, weil ich sonst das Visum für Nigeria nicht bekommen hätte. Also nur wenn ich gar nicht auskann, lasse ich mich impfen, aber nicht freiwillig.
Kein Remmidemmi - keine Langeweile
Uschi: Du bist vor sieben Jahren in Pension gegangen. Bis dahin hast du in der Wohnbetreuung mit alten, psychisch beeinträchtigten Menschen gearbeitet. Vermisst du die Arbeit oder Teile der Arbeit?
Ulli: Gar nicht. Überhaupt nicht. Vom ersten Tag an habe ich mit der Arbeit abgeschlossen. Ich habe bis zum Schluss voll und mit Engagement gearbeitet. Am letzten Tag habe ich aufgehört und ab dann war ich in Pension.
Uschi: Warum war das so?
Ulli: Weil ich mich darauf eingestellt habe. Ich habe ja gewusst, dass das so sein wird. Und das war ja dann auch irgendwie schön. Ich habe das einfach nur noch genossen. Ich dachte, super, ich kann liegen bleiben, kann aufstehen, wann ich will. Den ganzen Tag kann ich tun und lassen, was ich möchte. Keine Verpflichtungen mehr.
Uschi: Und? War es dann auch so?
Ulli: Ja, sicher war es so.
Uschi: Genießt du es immer noch?
Ulli: Ja.
Uschi: Keine Langeweile?
Ulli: Langeweile - das Wort kenne ich nicht. Es ist nicht so, dass ich so viel unternehme. Ich liege auch gern auf dem Sofa. Ich lese sehr gerne. Oder sitze draußen und schaue nur in den Wald. Ich bin mit mir selber zufrieden. Ich brauche nicht viel Remmidemmi rundherum.
Uschi: Andererseits finde ich, dass dein Leben ohnehin ziemlich voll ist, dass du schon viel unternimmst, in die Berge gehen, Skitouren, Skifahren und die Arbeit im Garten.
Ulli: Ja, aber ich plane nicht. Bei mir füllt sich der Kalender von alleine. Das kommt eher so von außen. Heute zum Beispiel hat meine Tochter gefragt, ob die Buben in den Osterferien ein paar Tage zu mir kommen können. Das habe ich nicht geplant, aber es freut mich.
Uschi: Das Leben jetzt, im siebten Jahr der Pension, ist also gut.
Ulli: Das ist sehr gut. Wobei: In Pension zu sein schafft auch ein Bewusstsein dafür, dass das Leben endlich ist. Ich habe mich allerdings auch schon früher damit beschäftigt. Mein Papa ist 94 geworden und hat bis zum Schluss immer an die Ribisel vom nächsten Jahr gedacht und daran, dass er auch wieder Schnaps von den Kornelkirschen machen will. Er hat sich nicht damit beschäftigt, ob er das nächste Jahr noch erleben wird. Da bin ich anders. Ich denke schon jetzt daran, dass das Lebensende näher rückt. Die statistische Lebenserwartung in Österreich ist für Frauen 83 Jahre , dann hätte ich noch 16 Jahre. Das wäre nicht viel, wie alt wäre da mein Enkelkind Luis….. solche Gedanken habe ich.
Uschi: Stellst du dich irgendwie drauf ein? Das Haus behindertengerecht machen oder ähnliches?
Ulli: (lacht herzlich) . Nein, das wäre nicht ich.
Kornelkirschen und Lebensende
Uschi: Dabei warst du mit deinem Vater ziemlich beschäftigt, als der nicht mehr alleine leben konnte und eine 24-Stunden-Pflegerin hatte.
Ulli: Naja, eigentlich war ich viel mehr involviert, als meine Mutter mit Alzheimer krank geworden ist. Da bin ich auch noch arbeiten gegangen und war trotzdem viel mehr in das ganze Leben meiner Eltern involviert. Die 24-Stundenpflegerin hat sie erst in ihrem letzten Jahr bekommen. Nach dem Tod meiner Mutter war ich fast ausgebrannt. Da habe ich ein bisschen Abstand gebraucht und mich nicht mehr so viel gekümmert.
Uschi: Und das ist gegangen?
Ulli: Ja, sicher ist es gegangen. Wir sind eh fünf Kinder. Da lassen sich Pflichten leichter aufteilen. Das hilft schon.
Die unkomplizierte
Uschi: Du wirkst als Typ recht unkompliziert.
Ulli: Ja, sehe ich auch so.
Uschi: Ich wollte dich eigentlich gerade fragen, ob das vielleicht täuscht.
Ulli: Nein, ich bin einfach unkompliziert.
Uschi: Was bedeutet das für dich? Kannst du irgendwie definieren, was es heißt?
Ulli: Da muss ich jetzt überlegen. Es gibt schon Situationen, in denen ich auf etwas beharre.
Uschi: Naja, du bist ja nicht unkompliziert im Sinne von „glatt“. Eher unkompliziert im Sinne von praktisch, von lösungsorientiert. Und ich vermute, dass du schon durchsetzungsstark bist.
Ulli: Das kann ich sein, ja. Aber viele Dinge sind mir eigentlich egal oder nicht so wichtig. Ich lasse gerne auch anderen ihren Willen. Da kann ich mich gut anpassen. Aber wenn mir etwas wichtig ist, dann setzte ich mich schon durch. Ist jemand anderem etwas wichtig, dann mache ich dem die Freude und halte mich mit meinen Wünschen zurück. Vielleicht ist da auch Bequemlichkeit dabei. …. ja, das könnte sein, wenn ich so nachdenke. Wenn ich zu jemanden sage „mach du einen Vorschlag“ - dann brauche ich selbst nicht viel nachdenken.
Uschi: Das kann durchaus Bequemlichkeit sein, es kann aber auch sein, dass man anderen damit einen gewissen Freiraum zugesteht.
Ulli: Es gibt noch eine andere Seite in mir. Als älteste von vier Schwestern, habe ich als Kind und Jugendliche immer das Sagen gehabt. Das ist natürlich noch in mir. Es kann passieren, dass ich über andere drüber fahre. Da muss ich mich manches Mal ein bisschen zurücknehmen.
Uschi: Das muss dann wohl etwas sein, das dir wichtig ist? Nicht wichtig ist dir vermutlich, ob du im Flugzeug in der ersten oder in der zweiten Reihe sitzt.
Ulli: Ja, genau. Oder ob wir heute oder morgen, am Nachmittag oder am Vormittag den oder jenen Film anschauen. Solche Dinge sind mir wurscht.
Uschi: Wie wurscht ist dir eigentlich das Älterwerden? Ich bin 65, du bist 67. Wie geht es dir damit?
Ulli: Ich finde mich schon alt. Aber stolz, alt.
Uschi: Aber es geht dir gut damit?
Ulli: Ich finde das nicht klass. Altern ist schon eine Herausforderung. Es nicht super, wenn man sieht, wie der Körper verfällt. Aber es hilft nichts, es geht ja allen gleich. Da muss man durch.
Uschi: Beschäftigst du dich in Gedanken viel damit?
Ulli: Nein, (lacht) ich sehe es ja jeden Tag im Spiegel. Aber ich beurteile ja andere auch nicht nach ihrem Aussehen. Mich interessiert die Ausstrahlung eines Menschen. Mich interessiert, wie ist dieser Mensch von seiner Anspannung her oder seiner Gemütslage. Wie ist jemand drauf? So was spüre ich gut.
Uschi: Was suchst du in einem Menschen? Wie muss jemand sein, damit er dir gefällt?
Ulli: Freundlich. Lustig. Einen Schmäh haben. Das macht das Leben würzig.
Uschi: Du lachst selbst viel. Jeder hat ja gewisse Bilder im Kopf und auf meinem inneren Bild von dir lachst du.
Ulli: Das passt (lacht).
erlebnisse sammeln
Uschi: Du hast beim letzten Interview gesagt, dass es dir gefällt, dich auf etwas Neues einzulassen, dass du dann in deinem Element bist. Vermisst du diesbezüglich jetzt etwas oder lebst du das nach wie vor?
Ulli: Naja, ich war in den letzten Jahren viel unterwegs. In Australien, in Vietnam oder in Israel. Ich habe auch das nächste Projekt mit meiner Familie schon angedacht, weil die Reise nach Abu Dhabi mit ihnen so schön war. Vielleicht können wir eine Safari mit den Kindern machen. Ich finde es schöner in gemeinsame Erlebnisse zu investieren, als in irgendwas, das sie später erben können. Also lieber das Geld ausgeben und gemeinsam Schönes erleben.
Uschi: Du legst quasi eine Sammlung von Erlebnissen an. Das klingt nach einem guten Plan für die Zukunft.
Ulli: Ja. Das finde ich auch. Und deshalb sage ich nicht nein, wenn die Enkelkinder zur mir kommen wollen. Das wird ohnehin nicht ewig so bleiben. Und inzwischen sammle ich Erlebnisse mit ihnen.
Das Gespräch wurde am 16. März 2026 in Sankt Martin im Mühlkreis geführt.